Darmverschluss

 

Ileus

 

Wo liegen Dünndarm und Dickdarm?

Unser Darm besteht aus mehreren, sehr unterschiedlichen Abschnitten: Dem kurzen Zwölffingerdarm, der den Speisebrei direkt aus dem Magen erhält, dem Dünndarm, einem dünnen "Schlauch", der etwa vier bis fünf Meter lang ist, sowie dem Dickdarm von ungefähr 1,2 Metern Länge. Die vielen Dünndarmschlingen sind in der Bauchhöhle relativ frei beweglich und werden, im Vergleich zum Dickdarm, über diverse Blutgefässe versorgt, da hier viele Nahrungsbestandteile (Zucker, Eiweisse) aus der Nahrung direkt ins Blut aufgenommen werden. Der Dickdarm (Kolon) "umrahmt" die im Mittel- und Unterbauch verteilten Dünndarmschlingen und wird in verschiedene Abschnitte unterteilt.

Der erste Teil des Dickdarmes liegt im rechten Unterbauch, in welchen der Dünndarm so einmündet, dass ein Darmstück von mehreren Zentimetern Länge (Caecum) entsteht, das blind endet und ein dünnes Anhängsel hat, den so genannten Blinddarm oder Wurmfortsatz.

Oberhalb der Einmündung des Dünndarmes beginnt der aufsteigende Teil des Kolons (Kolon ascendens). Es zieht nach oben, fast bis zur Leber, und beschreibt dann eine Biegung (rechte Kolonflexur).

Danach folgt der horizontal von rechts nach links im Oberbauch verlaufende Abschnitt des Dickdarmes (Kolon transversum, Querkolon). In Position gehalten wird dieses Stück Dickdarm durch eine "Fettschürze", die mit dem Darm verwachsen ist und "grosses Netz" genannt wird. Unter der Milz im linken Oberbauch angekommen, beschreibt der Dickdarm erneut eine Biegung (linke Kolonflexur).

Der absteigende Dickdarm zieht in Richtung des linken Unterbauches (Kolon descendens).

Danach beschreibt der Dickdarm eine S-Kurve und wird als Kolon Sigmoideum, kurz Sigma, bezeichnet. Hier endet der Dickdarm, gefolgt vom letzten Teil, dem Enddarm.

Der Enddarm (Rektum) ist 16 Zentimeter lang und geht in den After über. In der Mitte dieses "Dickdarmrahmens", unterhalb des Dünndarmes, finden sich, zentral aus der Hauptschlagader entspringend und dann in einer schützenden Gewebeschicht verlaufend, mehrere grosse Blutgefässe, die strahlenförmig zum Kolon und zum Rektum ziehen. Die genaue Kenntnis des Chirurgen darüber, welches Gefäss welchen Darmabschnitt versorgt, ist essentiell für eine gute Dickdarmchirurgie und muss bei komplexen Operationen in diesem Bereich gut bedacht werden.

Wie funktionieren Dünndarm und Dickdarm?

Der im Magen angedaute Nahrungsbrei wird im Zwölffingerdarm mit Gallensaft und Säften aus der Bauchspeicheldrüse vermengt und in Bestandteile wie Zucker, Fette und Eiweisse zerlegt. Die gute Durchblutung des Dünndarmes sorgt dafür, dass diese "Bausteine" ins Blut aufgenommen und vom Körper weiterverarbeitet werden können. Alle unverdaulichen Anteile gelangen schliesslich in den Dickdarm. Dieser entzieht dem noch flüssigen Nahrungsbrei das Wasser. Wie aber transportiert der Darm den Speisebrei weiter und wie dickt er diesen zum Schluss ein? Selbst beim nüchternen Menschen laufen von der Speiseröhre bis zum Enddarm periodische Wellen über die glatte Muskulatur des Darmes und halten ihn kontinuierlich in Bewegung, so dass der Speisebrei weitertransportiert wird. Dabei bewegen sich die Dünndarmschlingen im Vergleich zum Dickdarm schneller, so dass die Passagezeiten des Speisebreis im Dünndarm relativ kurz sind. Gleichzeitig wirkt dieser Mechanismus der schnellen "Beförderung" einer zu hohen Anzahl von Bakterien entgegen, die natürlicherweise im Darm vorkommen. Im Dickdarm verweilt der Speisebrei länger, so dass er in Ruhe durch Wasserentzug eingedickt werden kann. Dies wird darmmotorisch so erreicht, indem es hier nicht nur eine Vorwärtsbewegung der Schlingen gibt, sondern auch eine Rückwärtsbewegung. Gleichzeitig steigt hier, was völlig normal und erwünscht ist, die Bakterienzahl im Darm drastisch an. Der gesunde Darm weist verschiedenste Barrieremechanismen gegen diese Bakterien auf und produziert bestimmte, fast desinfizierend wirkende Eiweisse, die sich auf der Schleimhaut befinden. Erkrankungen wie der Darmverschluss können dieses feinabgestimmte System empfindlich stören und so zu gravierenden Folgen führen.

Was ist ein Darmverschluss?

Ein Darmverschluss (Ileus) kann sowohl den Dünndarm als auch den Dickdarm betreffen. Man versteht darunter eine Passagestörung des Darminhaltes, die in den meisten Fällen mechanische Ursachen hat. Aber was bedeutet das? Ein Abschnitt des Dünn- oder Dickdarmes wird von innen oder aussen verlegt, so dass der Durchlauf des Speisebreis nicht mehr erfolgen kann. Dieser Verschluss kann komplett (Ileus) oder inkomplett sein (Subileus). Von innen kann zum Beispiel ein mechanisches Hindernis durch einen wachsenden Tumor oder durch verschluckte Gegenstände bei Kindern entstehen. Da der Darm ein weicher Schlauch ist, kann seine Öffnung auch von aussen zugedrückt werden. Dies geschieht oft durch bindegewebige Stränge (Briden), welche die Bauchhöhle durchziehen und in welchen sich der mobile Dünndarm schnell verfangen kann. Man spricht hier von einem Bridenileus, der häufig Patienten mit Voroperationen betrifft, da Operationen grundlegend zur Bildung von Strängen führen können. Die zweite Form eines mechanischen Ileus ist der Strangulationsileus, der in der Regel den mobilen Dünndarm betrifft. Dabei drehen sich die Dünndarmschlingen sozusagen um die eigene Achse und ru­fen damit eine Unterbrechung der Blutzufuhr zum Darm hervor. Die Folge ist eine mangelnde Versorgung des Darmgewebes mit Sauerstoff sowie eine Passageblockade für den Nahrungsbrei. Im Weiteren kann sich der Dünndarm auch in den Bruchsack unterschiedlichster Eingeweidebrüche klemmen, was ebenfalls einen Ileus zur Folge haben kann. Der Dickdarm hingegen, an vielen Stellen mit dem Bauchfell fixiert, ist am häufigsten durch eine Passagestörung betroffen, die durch einen Tumor hervorgerufen wird, der entweder im Dickdarm wächst oder von aussen auf ihn drückt. Neben den jetzt erwähnten mechanischen Ursachen kann auch eine Lähmung der Darmmuskulatur die Ursache eines Ileus (paralytischer Ileus) sein. Das heisst, dass die periodische Eigenbewegung des Darmes zum Erliegen kommt, der Nahrungsbrei nicht weitertransportiert und die Passage behindert wird. Dies kann bei schweren Stoffwechselstörungen oder generalisierten bakteriellen Infekten, bei einem Bauchtrauma wie auch nach grossen Bauchoperationen der Fall sein. Warum aber ist der Ileus so gefährlich? Es kommt hier allein durch den Stau des Speisebreis, völlig egal an welcher Stelle des Darmes und durch welche Ursache bedingt, zu einer starken Überdehnung der Darmwand. Diese löst eine Abfolge von Reaktionen im Körper aus, die im Folgenden geschildert werden sollen und die letztlich zu der gefährlichen "Ileuskrankheit" führen. Die Überdehnung der Darmwand durch "Stau" führt zu einer Durchblutungsstörung derselben, was lokal einen Sauerstoffmangel im Gewebe auslöst. Dadurch stellt der Darm seine Bewegung ein, was zu einem drastischen Anstieg der Bakterienzahl führt, die dann bestimmte Gifte ausscheiden. Nach diesen Ereignissen wird die Darmwand, wenn man sich diese als "Barriere" vorstellt, in mehrfacher Hinsicht geschwächt. Es kommt zu einem Flüssigkeitseinstrom in den Darm und in die Darmwand, wobei das "Wasser" vorher, im Sinne einer krankhaften Umverteilung, dem Blutgefässsystem entzogen wird und beim Patienten eine Kreislaufschwäche bewirkt. Ausserdem können die Gifte der Bakterien nun die geschwächte Barriere der Darmwand durchdringen, gelangen in den Kreislauf und lösen dort über komplizierte Mechanismen ein Schockgeschehen aus, welches weitere Organe, wie zum Beispiel Nieren oder Lungen, beeinträchtigen kann.

Wie erkenne ich einen Darmverschluss?

"Der Tag begann wie jeder andere. Ich habe gefrühstückt und bin dann zur Arbeit gefahren. Nach dem Mittagessen bekam ich plötzlich krampfartige Bauchschmerzen. Die Schmerzen kamen und vergingen wieder. Im Laufe des Nachmittags konnte ich nur noch zusammengekrümmt auf meinem Stuhl sitzen. Mein Chef hat mich dann nach Hause geschickt. Zu Hause angekommen musste ich mehrmals im Schwall erbrechen. Mein Bauch blähte sich zunehmend auf und die Schmerzen wurden immer stärker. Es ging mir nur im Liegen, mit angezogenen Beinen, einwenig besser. Ein Freund, der mich abends spontan besuchen wollte, fuhr mich schliesslich umgehend in die Klinik auf die Notfallstation."

Diese Schilderung eines Betroffenen enthält viele Beschwerden, von denen ein Patient mit drohendem Ileus in der Regel berichten kann. Kardinalsymptome sind Erbrechen (eventuell sogar im Schwall) und starke, schubweise, kolikartige Bauchschmerzen. In vielen Fällen ist der Bauch stark gebläht und druckschmerzhaft. Je nach dem, in welchem Abschnitt des Darmes der Verschluss ist, haben die Patienten keinen Stuhl- oder Windabgang mehr. Eine häufig gestellte Frage ist, weshalb man krampfartige Koliken bekommt. Sobald der Darm aus irgendeinem Grund verschlossen ist, versucht er mit aller Gewalt, gegen dieses Hindernis anzukämpfen. Dieses Ankämpfen gegen ein Hindernis verursacht die kolikartigen Schmerzen. Beim paralytischen Ileus dagegen kommt es schnell zu einer Lähmung des Darmes: "Es wird totenstill im Bauch", das heisst, dass der Arzt keine Darmgeräusche über sein Stethoskop mehr hören kann.

Notwendige Abklärungen und diagnostische Möglichkeiten

Je nach dem, welcher Abschnitt des Darmes von einem Verschluss bedroht ist, können die oben genannten Beschwerden in sehr unterschiedlicher Ausprägung und Reihenfolge auftreten. Patienten mit einem Dünndarmileus klagen häufiger über krampfartige Bauchschmerzen und Erbrechen. Ein Dickdarmileus bewirkt in der Regel zunächst deutliche Unregelmässigkeiten des Stuhlganges, bevor Bauchschmerzen auftreten. Deshalb müssen zunächst, durch eine genaue Befragung des behandelnden Arztes, andere Krankheitsbilder abgegrenzt werden. Beim Darmverschluss interessieren primär Aspekte wie der Zeitpunkt, an dem die Schmerzen begonnen haben, die Art der Schmerzen (dumpf, stechend, kolikartige Krämpfe), ob der Patient erbrechen musste und wann er zum letzten Mal Stuhlgang hatte. Ferner sollte man ihn nach vergangenen Operationen im Bauchraum (Blinddarmentfernung, Gebärmutterentfernung, Gallenblasenoperation, sonstige Magen- oder Darmoperationen) und an­deren Allgemeinerkrankungen fragen. Danach folgen weitere Untersuchungen:

Abtasten des Bauches: Bei der Untersuchung mit den Händen fällt oft ein geblähter, druckschmerzhafter Bauch auf, der sehr schmerzempfindlich ist. Ferner sucht man beim Abtasten des Abdomens nach abnormalen Raumforderungen. Durch leichtes Beklopfen des Bauches mit den Fingern können Luftansammlungen erkannt werden. Ein sehr aussagekräftiger Untersuchungsschritt ist das Abhorchen des Bauches mit einem Stethoskop, um die Darmgeräusche zu beurteilen. Bei einem zunehmenden Darmverschluss können zunächst so genannte "hochgestellte", später auch "klingende" Darmgeräusche gehört werden. Nach längerer Dauer eines mechanischen Ileus und beim Übergang in den paralytischen Ileus sind keine Darmgeräusche mehr hörbar. Die Art und Qualität der Darmgeräusche sind für den Chirurgen ein sehr wichtiges Zeichen für einen Darmverschluss.

Rektaluntersuchung: Die Untersuchung des Enddarms ist bei allen akut auftretenden Bauchbeschwerden ein Muss. Schmerzen und Blut am Fingerling sind jedoch ziemlich unspezifisch und lassen sich auch bei anderen Darm- und Baucherkrankungen finden.

Abdomen-Leer-Bild: Die Röntgenaufnahme des Bauches im Stehen und Liegen liefert enorm viele Informationen bezüglich eines Darmverschlusses. Auf den Bildern sucht man nach Flüssigkeitsspiegeln und nach so genannter freier Luft im Bauchraum. Sind solche Spiegel vorhanden, ist dies ein fast sicheres Zeichen für das Vorliegen eines Darmverschlusses. Anhand der Lokalisation der Flüssigkeitsspiegel kann in etwa abgeschätzt werden, an welcher Stelle der Darm verschlossen ist. Ebenfalls ein typisches Zeichen für das Vorliegen eines Darmverschlusses sind so genannte "stehende Darmschlingen". Durch den Verschluss des Darmes sammeln sich Gase vor dem Hindernis an, die Darmschlingen blähen sich auf und vermitteln auf dem Röntgenbild den Eindruck, als würden sie im Bauch stehen.

Ultraschalluntersuchung: Ein Ultraschall des Abdomens bietet eine schnelle Möglichkeit, wichtige Aussagen zu folgenden Fragen bezüglich der betroffenen Darmschlingen zu machen: Sind sie mit Flüssigkeit gefüllt? Ist die Darmwand verdickt? Gibt es noch eine Eigenbewegung der Darmschlingen?

Kontrastmittelgabe: Bei Verdacht auf einen Dünndarmileus ohne Strangulation kann die orale Gabe von wasserlöslichem Kontrastmittel versucht werden. Dieses Mittel wirkt auf der einen Seite abführend, auf der anderen Seite kann man nach bestimmten Zeitabschnitten ein Röntgenbild machen um zu sehen, ob die Flüssigkeit in adäquater Zeit bis in den Dickdarm gelaufen ist. Damit kann man den Ort des Verschlusses besser bestimmen.

Blutuntersuchungen: Eine Blutuntersuchung kann einen gewissen Beitrag zur Ursachenklärung des Darmverschlusses leisten. Hingegen können in den Laborergebnissen lediglich gewisse Ursachen, jedoch nicht der Darmverschluss selbst gesehen werden.

Computertomographie: Kann mit den oben genannten Untersuchungen die Ursache für den Darmverschluss nicht gefunden werden oder hat man beim Abtasten des Bauches eine Raumforderung getastet, kann zur ergänzenden Diagnostik in bestimmten Fällen zusätzlich eine CT-Untersuchung durchgeführt werden.

Nur in der Zusammenschau von Krankengeschichte und diversen Untersuchungsergebnissen kann sich ein Chirurg die wichtigsten Fragen beantworten: Ist es ein Dünndarm- oder ein Dickdarmverschluss? Ist der Verschluss me­chanisch oder paralytisch? Ist er komplett oder partiell? Leidet der Patient unter einer anderen, bisher nicht bekannten Erkrankung (Tumor, Entzündung, Eingeweidebruch)? Muss er den Patienten sofort operieren oder kann unter engmaschiger Kontrolle zugewartet werden?

Mindestens eine schwere Entzündung hat bereits stattgefunden, die mit Antibiotika behandelt werden musste und eventuell einen Krankenhausaufenthalt nötig machte.

Wiederkehrende Entzündungen im Sigmabereich und/oder Verengungen des Dickdarms sind nachgewiesen worden.

Bei einem entzündlichen Schub hat sich ein Abszess, eine Eiteransammlung im Bauchraum, um den entzündeten Darm herum entwickelt.

Eine Notfalloperation ist dann angezeigt, wenn ein Durchbruch von Darminhalt in den Bauchraum nachgewiesen oder zumindest vermutet wird.

Wie wird ein akuter Darmverschluss behandelt?

Steht die Diagnose eines akuten Darmverschlusses fest, werden grundlegende Massnahmen ergriffen, unabhängig davon, um welche Form des Ileus es sich handelt. Da alle Patienten unter einer gravierenden Störung ihres Flüssigkeitshaushaltes leiden, gleichzeitig aber nüchtern bleiben müssen, erhalten sie zunächst einen grossen venösen Zugang, wobei ein weicher Kunststoffschlauch durch eine grosse Nadel in ein zentrales Blutgefäss vorgeschoben wird. Dieser ZVK (zentralvenöser Katheter) liegt entweder im Bereich des Schlüsselbeines oder am Hals. Über diesen Katheter erhalten die Patienten die notwendige Flüssigkeit sowie Spurenelemente und Medikamente (z.B. Antibiotika). Da die meisten Patienten bereits erbrochen haben, wird ihnen eine Magensonde gelegt. Es handelt sich hierbei um einen feinen Plastikschlauch, der über die Nase via Speiseröhre bis in den Magen vorgeschoben wird. Damit kann die zurückgestaute Flüssigkeit aus Magen und Darm in einen Beutel abgeleitet werden. Diese zwei Massnahmen, Magensonde und Infusion, dienen lediglich zur Sicherstellung eines stabilen Kreislaufzustandes und haben keinerlei therapeutische Wirkung bezüglich des Darmverschlusses. Manchmal müssen auch Patienten mit einer fortgeschrittenen "Ileuskrankheit" auf der Intensivstation behandelt werden. Wie geht man also weiter vor? Beim paralytischen Ileus (also nicht mechanisch) ergreift man oben genannte Massnahmen und kümmert sich gleichzeitig um die Beseitigung des Grundleidens. Das Vorgehen ist in diesem Fall eher nichtoperativ, es sei denn, dass es zu einer massiven Überdehnung des Darmes kommt. In diesem Fall muss eine spezielle Operation zur Entlastung des Darmes durchgeführt werden. Und beim mechanischen Ileus? Der mechanische Ileus ist häufig auf Verwachsungen im Bauchraum zurückzuführen und betrifft überwiegend den Dünndarm, da dieser in der Bauchhöhle relativ mobil ist. Im Bereich des Dickdarmes wird ein mechanischer Verschluss in den meisten Fällen durch einen Tumor hervorgerufen. In beiden Situationen sind chirurgische Massnahmen nötig, um das Passagehindernis zu beseitigen und die Kontinuität des Darmes wieder herzustellen. Dabei ist bei der Behandlung von Darmverschlüssen vor allem die offene Operation die Methode der Wahl. Je nach Zustand des Patienten kann eine laparoskopische Operation versucht werden. Trotzdem muss häufig auf die offene Technik umgestiegen werden, da man das Problem entweder gar nicht richtig sieht oder die Ursache laparoskopisch nur schwer zu beheben ist. Je nach dem, an welcher Stelle der Verschluss vermutet wird (Ober-, Mittel- oder Unterbauch), wird bei der Operation ein senkrechter Schnitt in der Mitte des Bauches als Zugang gesetzt. Danach werden in einem zweiten Schritt alle Schichten der Bauchdecke vorsichtig durchtrennt. Mit mehreren Haken werden die Schnittränder aufgespannt, so dass der Blick auf die Bauchorgane frei wird. Jetzt kann der ganze Bauchraum nach der Ursache des Darmverschlusses abgesucht werden. Als erstes fallen dem Chirurgen in der Regel die stark geblähten Darmschlingen vor dem Passagehindernis (Bride oder Tumor) auf. Hinter dem Verschluss findet sich oft der so genannte "Hungerdarm". An dieser Stelle ist der Darm völlig leer und ganz dünn, da hier schon seit längerer Zeit keine Nahrung mehr durchtransportiert wurde. Hat man die Stelle des Verschlusses gefunden, ist die Ursache in der Regel klar zu erkennen. In den allermeisten Fällen sind es einfache Verwachsungen, die zum Abknicken oder zur Strangulation des Darmes führen. Die Verwachsungen werden scharf mit einer Schere durchtrennt, und die Blutungen werden mit einzelnen Stichen gestillt. Sobald der Darm von Verwachsungen befreit ist, muss seine Vitalität geprüft werden, das heisst, es muss kontrolliert werden, ob der Darmabschnitt, der abgeknickt war, noch "lebt". Bewegt sich der Darm auf Berührung, ist seine Funktion noch erhalten. Ein weiteres Vitalitätskriterium ist die Farbe und Blutzirkulation. Sind Farbe und Beweglichkeit des Darmes nach Lösung der Verwachsungen in Ordnung, kann der Bauch mit all seinen Schichten wieder verschlossen werden. Abgeklemmte, schlecht durchblutete Darmabschnitte verfärben sich blau. Wird der Darm nach Beseitigung der Verschlussursache nicht mehr schön rosig, muss davon ausgegangen werden, dass der betreffende Darmabschnitt bereits abgestorben ist und deshalb entfernt werden muss. Dabei wird der Darm oberhalb und unterhalb des abgestorbenen Darmanteils mit einem speziellen Klammernahtgerät durchtrennt und verschlossen. Es entstehen zwei blinde Enden, die durch zwei fortlaufende Nähte wieder aneinander gefügt werden. Es erfolgen dann die Kontrolle auf Bluttrockenheit, die Einlage von zwei Drainagen und ein schichtweiser Verschluss der Bauchdecke.

Was geschieht nach der Operation?

In der Regel werden die Patienten nach einer Operation für ein bis zwei Tage auf der Intensivstation überwacht. Vor allem die Flüssigkeitszufuhr wird sorgfältig bilanziert und ständig korrigiert. Der Patient erhält ausreichend Schmerzmittel und oft eine Antibiotika-Therapie. Eine früher gefürchtete Komplikation nach der Operation war das Auftreten einer Leckage an der neuen Darmnaht mit Austritt von Darminhalt in den Bauchraum. Dies ist zum Glück bei guter chirurgischer Technik und neuem Fadenmaterial sehr selten geworden. Es ist wichtig, die Darmtätigkeit postoperativ täglich ein bis zwei Mal zu überprüfen. Dies geschieht vor allem durch Abhören des Bauches. Nach jedem Baucheingriff kann der Darm in den ersten paar Tagen "streiken". Er ist sozusagen beleidigt und verweigert seinen Transportdienst. Dies ist eine ganz normale Reaktion, die sich jedoch in den ersten paar Tagen nach der Operation wieder einstellt. Nimmt der Darm seine Tätigkeit wieder auf, kann der Patient versuchen, kleine Mengen an Tee oder Wasser zu sich zu nehmen. Fördert die Magensonde keinen oder deutlich weniger Magensaft, kann der Patient von der zuvor eingelegten Sonde befreit werden. Die Flüssigkeitsmengen können nun täglich gesteigert werden. Der Kostaufbau beginnt zuerst mit Suppen, wird anschliessend mit Stock und Sauce ergänzt, und schliesslich darf der Patient feingeschnittene Kost und letztlich Normalkost einnehmen. Die Hautfäden können am zehnten postoperativen Tag gezogen werden. Die Patienten können bei einem guten Verlauf innerhalb von etwa acht Tagen nach Hause entlassen werden.

Was muss im zukünftigen Alltag beachtet werden?

Viele Patienten fragen den Arzt, ob sie etwas tun können, um einem weiteren Darmverschluss vorzubeugen. Einem mechanischen Ileus kann leider auf keine Art vorgebeugt werden. Jede offene Operation, auch die des Darmverschlusses, kann manchmal wieder zu Verwachsungen im Bauchraum führen. Die Patienten können nach einer solchen Operation ein völlig normales Leben führen, ohne Einschränkung von Essen und Trinken, und sie können auch wieder Sport treiben. Beim Wiederauftreten von Beschwerden wie Schmerzen oder Stuhlverhalt sollten sich die Patienten rechtzeitig an ihren Arzt wenden. Ist ein Darmverschluss die Folge einer anderen Grunderkrankung (Tumor, Divertikulitis, Morbus Crohn), muss natürlich gleichzeitig die Grunderkrankung fachgerecht behandelt werden.

Historisches

Bereits in der Antike war den griechischen Ärzten das Symptom des Darmverschlusses bekannt. Sie nannten diese Krankheit "Ileus", was "voll Schlamm" bedeutet. Diese Bezeichnung erfolgte deshalb, weil bei einem Darmverschluss der Darminhalt nicht weitertransportiert werden kann und sich vor dem Hindernis staut. Diese Flüssigkeit kann so ähnlich wie Schlamm aussehen.

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