Kolonkarzinom
Wo liegt der Dickdarm?
Wie funktioniert der Dickdarm?
Die häufigsten bösartigen Dickdarm-
und Rektumtumore
Wie erkenne ich einen bösartigen
Dickdarmtumor?
Notwendige Abklärungen und diagnostische
Möglichkeiten
Wie kann ein kolorektales Karzinom
behandelt werden?
Was geschieht nach der Behandlung?
Historisches
Dickdarmkrebs
Wo liegt der Dickdarm?
Der Dickdarm (Kolon) ist der letzte Teil des Verdauungstraktes
und "umrahmt" die im Mittel- und Unterbauch verteilten
Dünndarmschlingen. Ausserdem wird der Dickdarm in verschiedene
Abschnitte unterteilt:
- Der erste Teil des Dickdarmes liegt im rechten Unterbauch, in welchem der Dünndarm so einmündet, dass ein Darmstück von mehreren Zentimetern Länge (Caecum) entsteht, das blind endet und ein dünnes Anhängsel hat, den so genannten Blinddarm oder Wurmfortsatz.
- Oberhalb der Einmündung des Dünndarmes beginnt der aufsteigende Teil des Kolons (Kolon ascendens). Es zieht nach oben, fast bis zur Leber, und beschreibt anschliessend eine Biegung (rechte Kolonflexur).
- Danach folgt der horizontal von rechts nach links im Oberbauch verlaufende Abschnitt des Dickdarmes (Kolon transversum, Querkolon). In Position gehalten wird dieses Stück Dickdarm durch eine "Fettschürze", die mit dem Darm verwachsen ist und als "grosses Netz" bezeichnet wird. Unter der Milz im linken Oberbauch angekommen, beschreibt der Dickdarm erneut eine Biegung (linke Kolonflexur).
- Der absteigende Dickdarm zieht in Richtung linker Unterbauch (Kolon descendens).
- Danach beschreibt der Dickdarm eine S-Kurve und wird als Kolon sigmoideum, kurz Sigma, bezeichnet. Hier endet der Dickdarm, gefolgt vom letzten Teil, dem Enddarm.
- Der Enddarm (Rektum) ist 16 Zentimeter lang und geht in den After über.
In der Mitte dieses "Dickdarmrahmens", unterhalb des Dünndarmes, finden sich, zentral aus der Hauptschlagader entspringend und dann in einer schützenden Gewebeschicht verlaufend, mehrere grosse Blutgefässe, die strahlenförmig zum Kolon und zum Rektum ziehen. Die genaue Kenntnis des Chirurgen darüber, welches Gefäss welchen Darmabschnitt versorgt, ist essentiell für eine gute Dickdarmchirurgie und muss bei komplexen Operationen in diesem Bereich gut bedacht werden.
Wie funktioniert der Dickdarm?
Der gesamte Darm hat neben seiner Funktion als Verdauungsorgan
auch wichtige motorische und immunologische Aufgaben.
Auch in nüchternem Zustand laufen von der Speiseröhre bis
zum Enddarm periodische Wellen über die glatte Darmmuskulatur
und halten den Dünn- und Dickdarm kontinuierlich in Bewegung,
so dass der Speisebrei weitertransportiert wird. Dabei bewegen
sich die Dünndarmschlingen im Vergleich zum Dickdarm schneller,
so dass die Durchlaufzeiten des Speisebreis im Dünndarm
relativ kurz sind. Gleichzeitig wirkt hier der Mechanismus
der schnellen "Beförderung" einer zu hohen Anzahl von Bakterien
entgegen. Im Dickdarm werden die Passagezeiten länger,
so dass der flüssige Nahrungsbrei aus dem Dünndarm in
Ruhe eingedickt werden kann. Die Hauptaufgabe des Dickdarmes
besteht darin, dem flüssigen Darminhalt grosse Mengen an
Wasser wieder zu entziehen und dem Körper zurückzuführen.
Dies wird darmmotorisch so erreicht, indem es hier nicht
nur Vorwärtsbewegungen der Schlingen gibt, sondern auch
Rückwärtsbewegungen. Gleichzeitig steigt hier, was
völlig normal und erwünscht ist, die Bakterienzahl drastisch
an. Der gesunde Darm weist verschiedenste Barrieremechanismen
gegen diese Bakterien auf und produziert bestimmte, fast
desinfizierend wirkende Eiweisse, die sich auf der
Darmschleimhaut befinden. Gleichwohl sind bestimmte Darmregionen
vermehrt von Lymphknoten durchsetzt und übernehmen andere
immunologische Aufgaben zur Abwehr von Keimen. Sowohl operative
Eingriffe, aber auch andere Erkrankungen des Darmes können
dieses feinabgestimmte System mit gravierenden Folgen
stören und führen zu klassischen Problemen der Darmchirurgie:
Nach operativen Eingriffen stellt der Darm, als Reaktion
auf die erfolgte Manipulation, seine "Eigenbewegung"
ein. Daraufhin werden der Nahrungsbrei und die im Darm
enthaltene Luft nicht weitertransportiert. Der Darm hat
eine Lähmung (Atonie). Daher richtet sich das Augenmerk
nach einer Darmoperation auf die Lähmung, die mit speziellen
Massnahmen überwunden werden muss.
Die häufigsten bösartigen Dickdarm- und Rektumtumore
In der Medizin wird grundsätzlich zwischen primären und
sekundären Tumoren (Metastasen) unterschieden. Ein primärer
bösartiger Tumor wäre im Dickdarmbereich ein Tumor, der
im Kolon respektive im Rektum entsteht und die Eigenschaft
besitzt, Absiedlungen (Metastasen) zu bilden. Die Absiedlungen
dieser Tumoren werden über das Lymphsystem in die Leber
und anschliessend in die Lunge geschwemmt, in welcher sie
weiter wachsen können. Der häufigste Tumor im Dickdarm
ist das Adenokarzinom (lat. adeno = von Drüsenzellen
ausgehend), das von der Dickdarmschleimhaut ausgeht. Liegt
der gleiche Tumor innerhalb eines Abstandes von 16 Zentimetern
bis zum After, spricht man von einem Rektumkarzinom. Andere,
seltene Karzinome, die gefunden werden, heissen schleimbildende
(muzinöse) Adenokarzinome oder Siegelringzellkarzinome.
Auch die äussere Form, die der Tumor im Darm annimmt, kann
sehr unterschiedlich sein: Er kann gestielt, kraterförmig
und diffus wachsend sein, oder er kann ringförmig die Darmlichtung
einengen. Je nach Erscheinungsform sind auch die Frühsymptome,
die mit diesem Tumor einhergehen können, sehr unterschiedlich.
Die Ursachen der Entstehung dieser Karzinome sind nicht
genau bekannt. Es werden genetische, aber auch Ernährungsfaktoren
wie ein hoher Fettanteil in der Nahrung diskutiert. Einige
Risikofaktoren sind aber auch ziemlich gut belegt. Dazu
gehören bestimmte Vorerkrankungen des Darmes, wie etwa
die Kolitis ulzerosa, der Morbus Crohn oder die familiäre
Poliposis coli. Letztere gilt sogar als Präkanzerose (Tumorvorstufe),
da hier die vielen Wucherungen der Darmschleimhaut (Polypen)
nach einer gewissen Zeit bösartig werden. Auch eine bekannte
Familienanamnese mit Kolonkarzinomen in der direkten
Verwandtschaft erhöht die Wahrscheinlichkeit, an einem
solchen Tumor zu erkranken.
Wie erkenne ich einen bösartigen Dickdarmtumor?
Leider sind die ersten Symptome bei Patienten mit diesem
Tumor sehr unterschiedlich oder auch gar nicht vorhanden.
Wenn die Darmlichtung, zum Beispiel durch den Tumor, verlegt
wird, kann es zu Stuhlunregelmässigkeiten (Durchfälle wechseln
sich mit Verstopfung ab) oder zu kolikartigen Schmerzen
und Blähungen kommen. Gestielte Tumore bluten häufiger
und können so eine schleichende Blutarmut beim Patienten
hervorrufen. Tritt ein Blutabgang im Bereich des Afters
auf oder entdeckt der Patient Blut im Stuhl, sollte er sofort
einen Arzt konsultieren um abzuklären, ob dies lediglich
mit einem Hämorrhoidalleiden zusammenhängt oder andere
gravierendere Ursachen hat.
Notwendige Abklärungen und diagnostische Möglichkeiten
Leider können verschiedenste Magen-Darmerkrankungen die
oben erwähnten Beschwerden hervorrufen, so dass der Arzt
zunächst einen sehr genauen Ablauf der Krankengeschichte
erfragen muss, vielleicht wie folgt: "Seit wann bestehen
Schmerzen im Bauch und Stuhlunregelmässigkeiten? Haben die
Beschwerden einen Zusammenhang mit bestimmten Nahrungsmitteln
oder insgesamt mit der Nahrungsaufnahme? Gibt es einen
deutlichen Gewichtsverlust, einen Leistungsknick?" Fragen
nach Blut im Stuhl oder Blutauflagerungen auf dem Stuhl
sind ebenfalls sehr wichtig. "Gibt es in der nahen Verwandtschaft
besondere Darmerkrankungen oder Menschen, die ein Dickdarmkarzinom
hatten?" Dann wird der Arzt den Bauch untersuchen und fühlen,
ob es eine deutliche Überblähung gibt, ob ein Tumor zu
tasten ist oder ob Bruchpforten vorhanden sind. Eine
Laboruntersuchung wird sicherlich durchgeführt, um eine
Übersicht über alle Organfunktionen zu bekommen und um
beispielsweise eine Blutarmut auszuschliessen. Da der
überwiegende Teil der Karzinome im Enddarm gefunden wird,
gehört beim geringsten Verdacht auf einen Tumor in diesem
Bereich eine digitale Untersuchung des Enddarmes durch den
Arzt dazu. Hat sich bis dahin der Verdacht auf ein Kolon-
oder Rektumkarzinom bestätigt, muss man zusätzlich eine
Enddarm- und/oder Dickdarmspiegelung vornehmen und dabei
Gewebeproben von allen verdächtigen Stellen der Schleimhaut
entnehmen. Weiterhin wird man eine Ultraschalluntersuchung
des Abdomens machen, um die Leber (Metastasen), Gallenblase,
Gallenwege, Bauchspeicheldrüse und Nieren zu beurteilen.
Je nach Lage und Grösse des Tumors sowie anderer Begleiterkrankungen
des Patienten können zusätzlich Spezialuntersuchungen,
wie beispielsweise eine CT-Untersuchung, eine Endosonographie
des Enddarmes (die genaue Lage des Tumors ist für die
Operationsplanung sehr wichtig), ein Herzultraschall
oder eine Lungenfunktionsdiagnostik, notwendig werden.
Wie kann ein kolorektales Karzinom behandelt werden?
Hat sich die Diagnose eines Kolon- oder Rektumkarzinoms
bestätigt, so ist eine chirurgische Entfernung des Tumors
die Therapie der Wahl. Diese kann, je nach Tumorstadium,
den Patienten definitiv von seinem Tumorleiden befreien.
Konservative Therapien, wie zum Beispiel die Chemotherapie,
werden nur ergänzend benutzt. Vor der Operation erfolgt
eine Darmspülung, damit beim Entfernen und Zusammenfügen
des Darmes keine Infektionen durch Keime entstehen. Aus
diesem Grund erhält auch jeder Patient vor der Operation
eine Antibiotikagabe, die auch nach der Operation noch
mehrere Tage fortgeführt wird. Ziel einer Dickdarmoperation,
völlig gleich an welcher Stelle sich das Karzinom befindet,
ist die Entfernung des tumortragenden Darmabschnittes
sowie der dazugehörigen Lymphknoten und das Reanastomosieren
(Anastomose = Wiedervereinigung von Hohlorganteilen)
der Dickdarmbereiche. Exemplarisch soll im Folgenden
eine Hemikolektomie rechts beschrieben werden. Führt man
diese Operation durch, so befindet sich der Tumor irgendwo
im aufsteigenden Teil des Dickdarmes auf der rechten Seite
des "Rahmens". Der Zugang zur Bauchhöhle erfolgt über einen
Schnitt, der zwei bis drei Querfinger oberhalb des Nabels
beginnt, diesen dann bogenförmig links umfährt und weiter
nach unten bis zur Schamhaargrenze zieht. Dann wird die
Bauchdecke durchtrennt und die Bauchhöhle eröffnet. Der
Chirurg tastet zunächst alle Organe wie Leber, Milz und
Magen mit der Hand ab, um sich zu orientieren: Finden
sich vergrösserte Lymphknoten oder Metastasen? Hiernach
sucht er sich das aufsteigende Kolon auf der rechten Seite
sowie das "Zoekum", den Teil des Dickdarmes, in welchen
der Dünndarm einmündet. Liegt der Tumor nämlich sehr nah
an dieser Einmündungsstelle, muss der Chirurg mit dem
Entfernen von Dünndarm sehr sparsam sein, da dort viele
Gallensäuren aufgenommen werden. Dann wird der Chirurg
sich anhand der Tumorlokalisation die Grenzen markieren,
an denen er den Darm durchtrennen will. Die Aufhängebänder
zwischen Dickdarm und Leber sowie Dickdarm und Magen müssen
durchtrennt werden. Da Teile des aufsteigenden Dickdarmes
am Bauchfell fixiert sind, wird dieser vorsichtig von seiner
Unterlage gelöst und in Richtung Bauchmitte mobilisiert.
Dabei muss vor allem auf den Harnleiter geachtet werden,
der rückseitig im Bauchfell verläuft. Im nächsten Schritt
werden die von der "Mitte des Rahmens" nach aussen zum Dickdarm
verlaufenden Gefässe in ihrem Gewebestrang vorsichtig
freipräpariert. Im erforderlichen Abstand zum Tumor wird
der Darm zu beiden Seiten abgeklemmt. Die bereits freipräparierten
Gefässe werden unterbunden, und der Darm wird an den zwei
Stellen durchtrennt und entfernt. Die verbleibenden
Stümpfe werden desinfiziert, und Dickdarm und Dünndarm werden
sorgfältig wieder aneinander genäht. Es wird eine Silikondrainage
in die Nähe der Anastomose gelegt und separat ausgeleitet.
Nach der Kontrolle auf Bluttrockenheit wird die Bauchdecke
wieder schichtweise verschlossen. Befindet sich ein Tumor
im querverlaufenden oder absteigenden Teil des Dickdarmes,
wird, unter spezieller Berücksichtigung der Gefässversorgung
und anderer Details, bezüglich der Operationsabfolge genauso
vorgegangen wie bei der Hemikolektomie, nur das ein anderer
Bereich des Darmes betroffen ist. Komplizierter wird das
Verfahren, wenn der Tumor im Enddarm liegt, da hier der
Darm bereits im kleinen Becken verläuft und deshalb operativ
schwerer zugänglich ist. Die kurative Therapie eines Enddarmkarzinoms
geschieht zum Beispiel durch eine anteriore Rektumresektion.
Der Zugang zur Bauchhöhle erfolgt genauso wie bei der
Hemikolektomie. Danach wendet sich der Operateur dem linken
Unterbauch zu und sucht den tumortragenden Darmabschnitt
auf. Aus den Voruntersuchungen weiss der Chirurg in der
Regel, in welcher Höhe der Tumor zu finden ist. Dieses
Wissen ist vor allem bei den Enddarmtumoren sehr wichtig,
da der Abstand vom Tumor zum After für die Operationsplanung,
vor allem aber bei der Durchführung der Anastomose in diesem
Bereich, eine grosse Rolle spielt. Um im Bereich des Rektums
Darm resezieren zu können, muss zunächst das Kolon descendens
als vorgehender Darmanteil vom Untergrund gelöst und mobilisiert
werden. Bei bösartigen Tumoren werden die zugehörigen
Lymphknoten an den grossen Gefässen aufgesucht und entfernt.
Die von der Mitte des Abdomens ausgehenden Gefässe in den
Aufhängebändern der Darmabschnitte (Mesenterien) werden
ganz zentral, am Unterrand der Bauchspeicheldrüse, dargestellt
und abgesetzt. Damit wird das ganze Abflussgebiet der
Lymphe mit den Lymphbahnen und den Lymphknoten radikal
entfernt. Dieser Schritt ist bei einem Tumorleiden wichtig.
Die Zahl der gefundenen und vom Tumor befallenen Lymphknoten
ist für die Zukunft (Prognose) und für eine adäquate Behandlung
mit Chemotherapie entscheidend. Anschliessend wird das
Rektum, das im kleinen Becken liegt, mobilisiert, wobei
der Chirurg sorgfältig darauf achten muss, beide Harnleiter
nicht zu verletzen. Das Rektum liegt in einem Aufhängeband
von umgebendem Fettgewebe (Mesorektum), in dem die Gefässe
und Lymphbahnen verlaufen. Das Mesorektum wird gründlich
entfernt, um eventuell vorhandene Metastasen zu beseitigen.
Diese moderne chirurgische Methode (TME, Totale Mesorektale
Exzision) wurde 1985 von Professor Bill Heald eingeführt.
Der tumortragende Darmabschnitt mit den zugehörigen Aufhängebändern
(Mesenterien) und alle möglicherweise tumorbefallenen
Lymphgefässe und Lymphknoten werden entfernt. Die für
die männliche Potenz wichtigen Nervi cavernosi, die nahe
an der Stelle verlaufen, an welcher der Rektumanteil entfernt
werden muss, können dank dieser Technik praktisch immer
erhalten bleiben. Im nächsten Schritt wird die Kontinuität
des Darmes wieder hergestellt. Dazu werden modernste Stapler
sowie Klammernahtapparate benutzt. Sie ermöglichen Anastomosen
des Darmes auch nur wenige Zentimeter vom After entfernt,
an Stellen also, an welchen vor einigen Jahren Nähte noch
nicht möglich waren und die Patienten folglich mit einem
künstlichen Darmausgang (Anus praeter) leben mussten. Heute
braucht weniger als einer von fünf betroffenen Patienten
noch einen Anus praeter. Schliesslich folgen die Kontrolle
auf Bluttrockenheit, die Einlage einer Silikondrainage
und der schichtweise Verschluss der Bauchdecke. Zum Schluss
sollen noch zwei chirurgische Massnahmen erwähnt werden,
die bei sehr speziellen Situationen ihre Anwendung finden.
Zum einen ist das die Ileotransversostomie, die bei grossen,
darmeinengenden Tumoren im rechten Kolon durchgeführt
wird. Dabei wird sozusagen eine "Umgehung" des Tumors vorgenommen.
Der Dünndarm wird Seite zu Seite mit dem Teil des Querkolons
zusammengenäht, der nach dem Tumor gelegen ist, damit die
Passage durch den Darm ungehindert möglich wird.
Eine weitere Massnahme, die leider in der Darmchirurgie
häufig nicht vermieden, für den Patienten aber zu einer
starken psychischen Belastung werden kann, ist die Anlage
eines künstlichen Darmausganges (Anus praeter). Er dient
der Ableitung von Stuhl und Gas eines Darmabschnittes über
die Bauchdecke nach aussen in einen Beutel. Je nachdem,
ob ein Dünndarm- oder Dickdarmanteil ausgeleitet wird,
spricht man von einem Ileostoma oder Kolostoma. Entweder
kann ein Stoma als kurzfristige Massnahme angelegt werden
mit dem Ziel, nach einigen Monaten die Darmkontinuität durch
eine Rückverlagerung wieder herzustellen, oder es handelt
sich um eine endgültige Ausleitung. Die Gründe, die zur
Anlage eines Stomas führen, sind unterschiedlich:
- Drohender Darmverschluss durch einen nicht resezierbaren
Tumor
- Entzündliche Darmerkrankungen
- Zum Schutz eines erkrankten Darmabschnittes, bis dieser wieder voll funktionsfähig ist.
Muss der Chirurg ein Stoma anlegen, wird er an geeigneter Stelle eine ausreichend grosse Öffnung der Bauchdecke vorbereiten. Durch diese wird vorsichtig der Darmstumpf gezogen und sorgfältig eingenäht. Die in der Bauchdecke liegende Darmöffnung wird dann mit einem speziellen Beutel versorgt. Viele Patienten fühlen sich zuerst durch eine Stomaanlage stark belastet. Sie fühlen sich nicht mehr gesellschaftsfähig und genieren sich, obwohl die heutigen Einmalmaterialien zur Stomapflege hervorragend sind und den Patienten ein sicheres Gefühl vermitteln. Helfen kann hier manchmal die Selbsthilfegruppe der Stomaträger (ILCO)[1], die den betroffenen Patienten menschlich und fachlich kompetent zur Seite steht. Aber auch spezielle Pflegefachleute, so genannte Stomatherapeuten, vermögen den Patienten eine hilfreiche Unterstützung im Alltag zu sein.
[1] http://www.ilco.ch/
Was geschieht nach der Behandlung?
In der Regel wird der Patient nach der Operation ein bis
zwei Tage auf der Intensivstation betreut. Alle wichtigen
Laborwerte werden kontrolliert, und es wird eine ausreichende
Schmerz- und Infusionstherapie angesetzt. Die Antibiotikagabe
wird fortgesetzt. Aufgrund der Darmanastomose darf der Patient
bis zu fünf Tagen nichts essen und trinken, damit es in
diesem Bereich zu keiner Undichtigkeit kommt - eine Komplikation,
die sehr aufwändig zu behandeln ist. Nach diesen Tagen
darf der Patient wieder einwenig trinken, damit auch der
Darm seine Tätigkeit wieder aufnimmt. Dies kann eine ziemlich
schmerzhafte Phase für den Patienten sein, da der Darm
zum Teil überbläht ist (Lähmung) und seine Tätigkeit häufig
mit Krämpfen wieder aufnimmt. Nach und nach wird die Nahrung
über Suppe und pürierte Kost weiter aufgebaut.
Bei Patienten mit ausgedehnteren Tumoren im Rektum muss
in Absprache mit den Onkologen und Radioonkologen eine zusätzliche
Chemotherapie oder Radiotherapie besprochen werden. Denn
oft ist bereits vor einer Operation eine Behandlung mit
Chemotherapeutika wichtig, um eine Resektion überhaupt zu
ermöglichen oder um die Resultate mit einer Kombinationstherapie
zu verbessern. Bei fortgeschrittenen Tumoren ist dieses
Vorgehen heute ganz wichtig. Dennoch bleibt die wichtigste
Therapie die Totale Mesorektale Exzision (TME) des Rektums
durch einen erfahrenen Chirurgen. Wurde dem Patienten
ein Stoma angelegt, wird er durch einen speziellen Stomaberater
mit den Abläufen und Materialien vertraut gemacht, die
zur Stomapflege gehören. Je nach Grösse und Art des entfernten
Tumors erfolgt eine individuelle Nachsorge jedes Patienten.
In bestimmten Zeitabständen werden Tumormarker kontrolliert,
und es werden eine Ultraschall- oder CT-Untersuchung des
Abdomens sowie eventuell eine Darmspiegelung durchgeführt,
um sicher zu gehen, dass keine Metastasen aufgetreten sind
oder dass kein neuer Tumor entstanden ist.
Historisches
Noch vor 150 Jahren starben etwa zwei Drittel der Patienten
mit Eingeweidebruchoperationen. Selbst bei kleinen
Eingriffen wie Finger- und Zehenamputationen starben
10% der Patienten. Gründe für diese hohe Sterblichkeit
waren die fehlende Narkose, die Antisepsis und das Problem
des "Schocks". Dieses letztgenannte Phänomen wird beispielsweise
durch einen hohen Blutverlust oder durch eingeschwemmte
Bakterien verursacht und kann tödlich enden. Doch dann wurden
bahnbrechende Entdeckungen gemacht, die bis heute das feste
Fundament eines jeden grösseren Baucheingriffes bilden.
1844 erfolgte die erste Narkose mit Lachgas durch Horace
Wells und 1901 entdeckte Karl Landsteiner die Blutgruppen
des Menschen. Dies eröffnete zum ersten Mal die Möglichkeit,
bei grossen chirurgischen Operationen Blutübertragungen
vorzunehmen und den Blutungsschock erfolgreich zu behandeln.
Die grösste Errungenschaft war jedoch die Erkenntnis
von Ignatz Philipp Semmelweiss, dass die damals meist tödlich
verlaufenden Wundinfektionen, vor allem das Kindbettfieber,
ihre Ursache in mangelnder Hygiene von Händen und Instrumenten
hatten. Bis dahin war eine gründliche Händedesinfektion
in Spitälern völlig unbekannt. Man "trug", ohne es zu
wissen, die Bakterien von einem Patienten zum anderen. Leider
war Semmelweiss seiner Zeit zu weit voraus, so dass seine
Appelle zur Händedesinfektion mit Karbolsäure, trotz belegter
Wirksamkeit von Luis Pasteur, dem berühmten Entdecker
der Bakterien, zunächst nicht ernst genommen wurden. Der
Chirurg Joseph Lister in Glasgow war es, der die Ideen von
Semmelweiss gehört und 1867 in seiner Klinik mit Erfolg
umsetzte: Vor Operationen wurden die Hände der Chirurgen
mit karbolhaltiger Seife gewaschen, und es wurde eine
karbolhaltige Lösung während der Operation über dem Operationsgebiet
zerstäubt. Damit sank die Zahl der tödlichen Komplikationen
nach Operationen deutlich. Im Zuge dieser Erkenntnisse
entstanden dann Operationssäle, die nur noch mit Haube
und Mundschutz betreten werden durften, so dass die ersten
grossen, dann auch aseptisch durchgeführten bauchchirurgischen
Eingriffe ab 1880 erfolgreicher waren. Exemplarisch für
die "Aufbruchstimmung" in der Bauchchirurgie unter diesen
"neuen" Bedingungen ist die Arbeit des Chirurgen Professor
Ulrich Kroenlein, der seit 1881 am Universitätsspital Zürich
arbeitete und lehrte. Er setzte im Spital die neuen "Hygienevorstellungen"
in Massnahmen um, indem er Böden kacheln, Bettgestelle
aus Holz entfernen und einen neuen Operationssaal in Form
eines Amphitheaters (Studentenunterricht) bauen liess.
Kroenlein operierte als einer der ersten Chirurgen akute
Bilddarmentzündungen und befasste sich mit der Therapie
der eitrigen Bauchfellentzündung, die nach Darmverletzungen
auftrat. Um solche Bauchfellentzündungen durch schlechte
Darmnähte (Anastomosen) zu vermeiden, rangen zu dieser
Zeit zwei andere, berühmte Chirurgen um neue Nahttechniken
in der Darmchirurgie, so Theodor Kocher und Vinzenz Czerny.
"Die Darmresektion ist zu einem ausserordentlich wichtigen
und verhältnismässig häufigen chirurgischen Eingriff geworden,
durch dessen korrekte Ausführung der Chirurg manches sonst
unrettbar verlorene Leben erhalten kann." schreibt Theodor
Kocher 1894 und stellt damit seine fortlaufende Darmnaht
vor (Boschung U. Meilensteine in der Geschichte der intestinalen
Anastomose. Swiss Surg 2003; 9: 99-104). So führte Sir
Ernest Miles schon 1907 die erste radikale abdominoperineale
Resektion bei einem Enddarmkarzinom durch, ein grosser
Eingriff, bei welchem Dickdarm und Enddarm ganz entfernt
wurden.
