Divertikulose und Divertikulitis
Wo liegt der Dickdarm?
Wie funktioniert der Dickdarm?
Was ist eine Divertikulose und
was ist eine Divertikulitis?
Wie erkenne ich eine Divertikulitis?
Wie wird eine Divertikulitis abgeklärt?
Wie kann eine Divertikulitis behandelt
werden?
Die offene Operation
Die laparoskopische Operation
Was geschieht nach der Behandlung?
Historisches
Erkrankungen des Dickdarms
Wo liegt der Dickdarm?
Abb. 1 zeigt die wichtigsten Organe innerhalb des Bauchraums.
Der Dickdarm - auch Kolon genannt - als letzter Teil
des Verdauungstraktes umrahmt die im Mittel- und Unterbauch
verteilten Dünndarmschlingen. Grundsätzlich wird das
Kolon in sechs Abschnitte unterteilt (Abb. 2):
Der erste Teil des Dickdarms liegt im rechten Unterbauch,
in den der Dünndarm seitlich so einmündet, dass ein Darmstück
von mehreren Zentimetern Länge (Caecum) entsteht,
das blind endet und in ein dünnes Anhängsel übergeht,
in den sogenannten Blinddarm oder Wurmfortsatz (Abb. 3).
Oberhalb der Einmündung des Dünndarms beginnt der aufsteigende
Teil des Kolons (Colon ascendens). Dieser zieht nach oben
bis zur Leber und beschreibt anschliessend eine Biegung,
die sogenannte rechte Kolonflexur. Danach folgt der horizontal
von rechts nach links im Oberbauch verlaufende Abschnitt
des Dickdarms, der als Querkolon (Colon transversum) bezeichnet
wird. An ihm ist das grosse Netz befestigt, das als "Fettschürze"
den Dünndarm bedeckt.
Unter der Milz im linken Oberbauch angekommen, beschreibt
der Dickdarm eine Biegung nach unten, die als linke
Kolonflexur bezeichnet wird. Der absteigende Dickdarm (Colon
descendens) zieht in Richtung linker Unterbauch und
beschreibt anschliessend eine S-Kurve. Diesen Abschnitt
bezeichnet man als Sigmaschlinge (Colon sigmoideum). Am
Ende der Sigmaschlinge geht der Dickdarm fliessend in den
Enddarm über. Dieser Teil wird als Rektum bezeichnet, ist
etwa 16 Zentimeter lang und mündet am Anus, der durch einen
inneren und äusseren Schliessmuskel verschlossen wird.
In der Mitte dieses Dickdarmrahmens, unterhalb des Dünndarms,
finden sich, zentral aus der Hauptschlagader entspringend
und dann in einer schützenden Gewebeschicht (Mesenterium)
verlaufend, mehrere grosse Blutgefässe, die strahlenförmig
zum Kolon und zum Rektum hinziehen (Abb. 4). Die genaue
Kenntnis des Chirurgen darüber, welches Gefäss welchen
Darmabschnitt versorgt, ist essentiell für eine gute Dickdarmchirurgie
und muss insbesondere bei komplexen Operationen in diesem
Bereich gut bedacht werden.
Wie funktioniert der Dickdarm?
Der gesamte Darm hat neben seiner Funktion als Verdauungsorgan,
d.h. neben der Aufnahme von Nahrungsbestandteilen, auch
wichtige motorische und immunologische Aufgaben. In
nüchternem Zustand laufen von der Speiseröhre bis zum Enddarm
periodische Wellen über die glatte Darmmuskulatur und
halten den Dünn- und Dickdarm kontinuierlich in Bewegung,
sodass der Nahrungsbrei stets weitergeschoben wird. Dabei
bewegen sich die Dünndarmschlingen, die hauptsächlich
die verdaute Nahrung aufnehmen, im Vergleich zu den Abschnitten
des Dickdarms wesentlich schneller, sodass die Durchlaufzeiten
des Nahrungsbreis (Transitzeit) im Dünndarm relativ kurz
sind.
Im Dickdarm werden die Passagezeiten länger, sodass der
flüssige Nahrungsbrei aus dem Dünndarm, der etwa die Konsistenz
einer Crèmesuppe hat, in Ruhe eingedickt werden kann.
Die Hauptaufgabe des Dickdarms besteht darin, dem flüssigen
Darminhalt grosse Mengen an Wasser zu entziehen und dieses
dem Körper wieder zurückzuführen. Dies wird darmmotorisch
so erreicht, indem es hier nicht nur Vorwärtsbewegungen
der Schlingen gibt, sondern auch Rückwärtsbewegungen.
Ferner weist der Dickdarm im Gegensatz zum Dünndarm eine
hohe Dichte an Bakterien auf, die nebst immunologischen
Funktionen auch gewisse Fermentationsprozesse (Umsetzungsprozesse
biologischer Materialien) übernehmen.
Sowohl operative Eingriffe, aber auch andere Erkrankungen
des Darms können dieses feinabgestimmte motorische,
immunologische und mikrobiologische System massiv beeinträchtigen.
Zu einer typischen Reaktion des Darms, z.B. nach einem Baucheingriff,
gehört die postoperative Darmatonie. Dabei kommt es reflektorisch
zu einer mehr oder weniger ausprägten "Lähmung" des Darms.
Der Darm reagiert auf ein Operationstrauma, bei dem man
ihn berührt, aufschneidet und wieder zusammennäht, mit
einem Stillstand. Symptome dieser Darmatonie reichen von
einem geblähten Bauch bis zu Übelkeit und Erbrechen.
Wie lange dieser Funktionsstillstand andauert, kann nicht
vorhergesagt werden und ist von verschiedenen Faktoren abhängig.
Bei kleinen Eingriffen oder laparoskopisch durchgeführten
Operationen ist diese Zeit meist auf wenige Stunden begrenzt.
Bei sehr ausgedehnten Eingriffen oder bei Operationen an
einem infizierten Bauch, z.B. aufgrund einer Darmperforation,
Magenperforation oder Eiteransammlung, kann sich die Darmatonie
über mehrere Tage hinziehen. Zwar kann mittels verschiedener
Medikamente versucht werden, diese Zeit etwas zu verkürzen.
In der Regel braucht es jedoch einfach Zeit, und der Darm
nimmt seine Funktion wieder von alleine auf.
Was ist eine Divertikulose und was ist eine Divertikulitis?
Die Entstehung einer Divertikulose ist nach heutiger Lehrmeinung
durch mehrere Faktoren bedingt. Kommt es aufgrund ballaststoffarmer
Ernährung, wenig körperlicher Bewegung und begrenzter
Flüssigkeitsaufnahme beim Menschen zu einer chronischen
Verstopfung, steigt vor allem im Sigmabereich der Druck
stark an. In dieser "Hochdruckzone" kommt es mit der
Zeit zu einer dauerhaften, lokalen Strukturveränderung
der Darmwand, die auch "Divertikulose" genannt wird.
Was geschieht bei dieser Strukturveränderung? Vereinfacht
ist die Darmwand aus drei Schichten aufgebaut: Ganz innen
liegt die Schleimhaut, gefolgt von einer festeren Stützschicht,
die wiederum aussen von einem Muskelmantel umgeben
wird. Durch den hohen Druck im Darminnern drückt die Schleimhaut
im Bereich von muskulären Schwachstellen punktuell wie
ein Finger an einem Handschuh nach aussen. Treten diese
Ausstülpungen an vielen Stellen vor allem im Sigma
auf, spricht man von einer Divertikulose (Abb. 5). Zusammengefasst
ist die Divertikulose eine strukturelle Veränderung der
Darmwand, welche zwar zu Komplikationen führen kann, aber
nicht muss.
Divertikel gehören in Europa zum häufigsten Dickdarmbefund
bei Patienten, die älter als 50 Jahre alt sind, wobei 70%
der Betroffenen keine oder nur geringe Beschwerden haben.
Sie klagen allenfalls über gelegentliche Schmerzen oder
Krämpfe im linken Unterbauch, wobei sich Durchfall und
Verstopfung abwechseln können.
Von einer Divertikulitis spricht man dann, wenn es zu einer
Entzündung der Divertikel kommt. Diese Entzündung hat im
Gegensatz zur rein strukturellen Veränderung der Darmwand
einen wirklichen Krankheitswert. Stauen sich Stuhl
und Bakterien in diesen Ausstülpungen, kann dies eine Entzündung
verursachen, die oft von Schmerzen und Fieber begleitet
wird. Häufig wird eine akute Divertikulitis ambulant durch
den Hausarzt oder Magen-Darm-Spezialisten behandelt. Im
Rahmen der Entzündungsreaktion kann es aber auch zu akuten
Komplikationen kommen, wobei Blutungen, Abszesse oder
Darmwandperforationen die Folge sein können. Tritt die Divertikulitis
über Jahre immer wieder schubweise auf, können die ständig
wiederkehrenden Entzündungen zu einer Vernarbung und Einengung
des Darms führen. Das Vollbild einer solchen Einengung
der Darmlichtung ist der vollständige Darmverschluss, eine
Komplikation, die immer operiert werden muss.
Wie erkenne ich eine Divertikulitis?
Patienten können nur an einer Divertikulitis erkranken,
wenn in ihrem Darm bereits Divertikel vorhanden sind.
Oft wissen jedoch Arzt und Patient nicht, ob dies der Fall
ist. In den westlichen Industrienationen wissen allerdings
zunehmend mehr Patienten, ob sie an Divertikeln erkrankt
sind oder nicht. Dabei spielt die steigende Anzahl an Darmspiegelungen
zur Krebsvorsorge sicher eine grosse Rolle, wobei zufällig
aufgefundene Divertikel stets mitdokumentiert werden.
Zu den klassischen Symptomen einer Divertikulitis werden
Fieber, diffuse Unterbauchschmerzen auf der linken
Seite und Verstopfung, abgelöst von Episoden mit Durchfall,
genannt. Aber Vorsicht: Für Durchfall gibt es neben
einer entzündlichen Darmerkrankung noch weitere unzählige
Ursachen, so z.B. klassische Magen-Darm-Grippen, Würmer,
Reisedurchfall, Lebensmittelvergiftungen und mehr. Auch
ein Tumor kann sich in Form dieser Beschwerden zum ersten
Mal bemerkbar machen.
Wie wird eine Divertikulitis abgeklärt?
Der zuständige Arzt muss zunächst durch möglichst gezielte
Fragen an den Patienten versuchen, die oben genannten
Krankheitsbilder abzugrenzen: Wie häufig treten Durchfälle
auf? Gibt es dabei zusätzlichen Schleim- oder Blutabgang?
Verursacht der Stuhlgang Schmerzen oder Krämpfe im Unterbauch?
Gibt es im Rahmen solcher Episoden auch Fieberschübe?
Wie sind Ernährungs- und Lebensgewohnheiten? Hat der Patient
einen starken Gewichtsverlust oder einen Leistungsknick
bemerkt?
Im Anschluss an die Befragung ist eine gründliche Untersuchung
des Bauches erforderlich, um die Stelle zu lokalisieren,
an der die Schmerzen hauptsächlich auftreten. Bei einer
Divertikulitis kann der untersuchende Arzt gelegentlich
im linken Unterbauch eine Art "Walze" tasten und dabei einen
deutlichen Druckschmerz auslösen. Zur körperlichen Untersuchung
gehört immer eine Rektaluntersuchung. Eine Blutanalyse
vervollständigt diese erste Befragung und Untersuchung.
Die Synthese aus Befragung, körperlicher Untersuchung und
diversen Laborresultaten entscheidet darüber, welche
weiterführenden diagnostischen Massnahmen eingeleitet werden
sollen. Welche Methoden stehen dabei zur Verfügung?
Die Abdomensonografie ermöglicht eine grundlegende Orientierung
sowie die Beurteilung, ob sich freie Flüssigkeit im Bauch
befindet. Die Qualität und Aussagekraft dieser Ultraschalluntersuchung
hängt massgeblich von der Erfahrung des durchführenden Arztes
ab. Für die Diagnose einer Divertikulose ist die Abdomensonografie
jedoch oft ungeeignet. Hingegen kann bei einer akuten
Entzündung das Ausmass der Entzündung sowie ein allfälliger
Abszess gut beurteilt werden.
Die Röntgen-Abdomenübersichtsaufnahme stellt grundsätzlich
freie Luft als schwarze Fläche dar. Tritt also bei einer
Darmperforation Luft aus dem Darm, so sammelt sich diese
am höchsten Punkt innerhalb des Bauches und zeigt sich auf
dem Röntgenbild als schwarze Sichel direkt unterhalb des
Zwerchfells.
Die Computertomographie (Abb. 6) gewann bei der Diagnostik
der akuten Divertikulitis in den letzten Jahren zunehmend
an Bedeutung. Die CT-Untersuchung kann Veränderungen
an der Darmwand, zum Teil sogar einzelne Divertikel, gut
darstellen. Ferner gibt das CT gute Auskünfte über allfällige
Abszesse und freie Luft. In der gleichen Untersuchung
können auch viele weitere Ursachen für die Beschwerden
des Patienten ausgeschlossen werden.
Die Indikation zur Dickdarmspiegelung (Abb. 7) - auch Koloskopie
genannt - muss differenziert gestellt werden. In der akuten
Entzündungsphase wird aufgrund der hohen Aussagekraft und
der niedrigen Komplikationsrate der Computertomographie
häufig auf eine Dickdarmspiegelung verzichtet, da das
Einführen des Endoskops in einen entzündlich veränderten
Darm das Risiko einer Perforation mit sich birgt. Erst
nach Abheilung des akuten Schubes wird die Koloskopie durchgeführt.
Da die Divertikulose ähnlich wie die Dickdarmtumore
mit steigendem Alter zunehmen, wird jedoch bei jedem
Patienten, der über 50 Jahre alt ist, eine Koloskopie
angeordnet.
