Rektumkarzinom
Wo liegt der Enddarm?
Wie funktioniert der Enddarm?
Die bösartigen Rektumtumore
Wie erkenne ich ein Rektumkarzinom?
Abklärungen und diagnostische Möglichkeiten?
Wie kann ein Rektumkarzinom behandelt
werden?
Was geschieht nach der Operation?
Historisches
Enddarmkrebs
Wo liegt der Enddarm?
Als Enddarm werden die letzten 16 cm des Dickdarms, beginnend
ab dem Anus, bezeichnet (Abb.
1). Der Enddarm liegt vollständig im kleinen Becken
und schliesst sich dem S-förmigen Darm (Sigma) an
(Abb. 2). Der Krümmung
der unteren Wirbelsäule folgend, verläuft er teilweise in
der Bauchhöhle, teilweise hinter dieser, im so genannten
Retroperitonealraum. Beim Mann besteht eine enge Beziehung
zur Vorsteherdrüse (Prostata) sowie zu den Samenbläschen.
Bei der Frau liegt der Enddarm hinter der Scheide und der
Gebärmutter (Uterus). Die anatomische Lage beeinflusst den
Verlauf einer möglichen Tumorerkrankung sehr wesentlich
und spielt auch für die verschiedenen Therapiestrategien
eine grosse Rolle.
Wie funktioniert der Enddarm?
Als letzter Abschnitt des Dickdarms nimmt der Enddarm eine
Sonderstellung ein. Dies liegt sowohl an seiner besonderen
Lage als auch an seiner Aufgabe, die sich von anderen Teilen
des Dickdarms unterscheidet. Während in den weiter oben
liegenden Teilen des Dickdarms eine Rückgewinnung von Flüssigkeit
aus dem Stuhl in den Organismus stattfindet, erfüllt der
Enddarm die Funktion eines Reservoirs, in welchem sich der
Stuhl sammelt, um später willentlich abgesetzt werden zu
können. Dieser Vorgang ist ein entscheidender Teil unseres
täglichen Lebens.
Auch für den Mechanismus der Stuhlentleerung spielt der
Enddarm eine aussergewöhnliche Rolle. Die Stuhlentleerung
(Defäkation) ist in ihrer Komplexität von zahlreichen Faktoren
abhängig. Diese sind neben den anatomischen Gegebenheiten
die Funktionstüchtigkeit der Beckenbodenmuskulatur sowie
des analen Schliessmuskels (Sphinkter), aber auch die Gesundheit
des Enddarms. Kommt es zu einer Störung eines Faktors, wird
häufig die gesamte Stuhlentleerung negativ beeinflusst.
Die bösartigen Rektumtumore
In der Medizin wird grundsätzlich zwischen primären und
sekundären Tumoren (Metastasen) unterschieden. Ein primär
bösartiger Tumor im Enddarm ist ein Tumor, der im Rektum
entsteht und die Eigenschaft besitzt, in die Darmwand zu
infiltrieren und Absiedlungen (Metastasen) bilden zu können.
Die Absiedlungen dieser Tumoren können ins Lymphsystem oder
über das Blutsystem in die Leber und anschliessend in die
Lunge geschwemmt werden, wo sie weiter wachsen.
Wie auch in den anderen Teilen des Dickdarms ist das Adenokarzinom
(lat. adeno = von Drüsenzellen ausgehend) der häufigste
bösartige Tumor. Auch die Form, welche der Tumor im Darm
annimmt, kann unterschiedlich sein: Er kann gestielt, kraterförmig
und diffus wachsen, oder aber er kann ringförmig die Darmlichtung
einengen. Je nach Erscheinungsform sind die Frühsymptome,
die mit diesem Tumor einhergehen können, sehr verschieden.
Die Ursachen der Entstehung dieser bösartigen Tumore sind
nicht genau bekannt. Es werden genetische, aber auch Ernährungsfaktoren
wie ein hoher Fettanteil in der Nahrung, diskutiert.
Einige Risikofaktoren sind gut belegt. Dazu gehören bestimmte
Vorerkrankungen des Darms wie etwa die Kolitis ulzerosa,
der Morbus Crohn oder die familiäre Polyposis coli. Letztere
gilt als Präkanzerose (Tumorvorstufe), da hier die vielen
Wucherungen der Darmschleimhaut (Polypen) nach einer gewissen
Zeit bösartig werden. Auch eine bekannte Familienanamnese
mit bösartigen Darmtumoren in der direkten Verwandtschaft
erhöht die Wahrscheinlichkeit, an einem solchen Tumor zu
erkranken.
Wie erkenne ich ein Rektumkarzinom?
Leider sind die ersten Symptome bei Patienten mit diesem
Tumor uneinheitlich. Wenn die Darmlichtung durch den Tumor
verlegt wird, kann es zu Stuhlunregelmässigkeiten (Durchfälle
wechseln mit Verstopfung ab) oder zu kolikartigen Schmerzen
und Blähungen kommen. Einige Tumore bluten häufiger und
können so eine schleichende Blutarmut (Anämie) beim Patienten
hervorrufen. Tritt ein Blutabgang über den After auf, oder
entdeckt der Patient Blut im Stuhl, sollte er sofort einen
Arzt konsultieren, um abklären zu lassen, ob dies lediglich
mit einem eventuell vorhandenen Hämorrhoidalleiden zusammenhängt
oder andere, gravierendere Ursachen hat. Die Tumorkrankheit
kann zudem mit einem Gewichtsverlust und einer Einschränkung
der körperlichen Leistungsfähigkeit verbunden sein. In einigen
Fällen kann es akut zu einem Darmverschluss (Ileus) kommen.
Dieser charakterisiert sich durch ein meist seit Tagen bestehendes
Fehlen von Wind- und Stuhlabgang sowie zunehmenden, beginnend
kolikartigen, später dauerhaften Schmerzen.
Abklärungen und diagnostische Möglichkeiten
Verschiedene Magen-Darm-Erkrankungen können die erwähnten
Beschwerden hervorrufen, so dass der Arzt zunächst den genauen
Ablauf der Krankengeschichte erfragen muss. "Seit wann bestehen
Schmerzen im Bauch und Stuhlunregelmässigkeiten? Haben die
Beschwerden einen Zusammenhang mit bestimmten Nahrungsmitteln
oder insgesamt mit der Nahrungsaufnahme? Gibt es einen Gewichtsverlust
oder einen Leistungsknick?" Fragen nach Blut im Stuhl oder
nach Blutauflagerungen auf dem Stuhl sind ebenfalls sehr
wichtig. "Gibt es in der nahen Verwandtschaft besondere
Darmerkrankungen oder Menschen, die ein Dickdarmkarzinom
hatten?"
Dann wird der Arzt den Bauch untersuchen und fühlen, ob
es eine Überblähung gibt, ob ein Tumor zu ertasten ist und
ob zusätzlich andere Krankheiten wie z. B. Hernien (Brüche)
der Bauchwand vorliegen. Da der überwiegende Teil der bösartigen
Darmtumore im Enddarm gefunden wird, ist eine digitale Untersuchung
des Enddarms durch den Arzt ein wichtiger Bestandteil der
Diagnostik. Dabei wird mit einem Finger durch den Anus der
Enddarm ausgetastet, die Schliessmuskelfunktion geprüft
und beim Mann die Vorsteherdrüse auf Unregelmässigkeiten
untersucht. Dann wird eine Laboruntersuchung durchgeführt,
um eine Blutarmut auszuschliessen, andere wichtige Organfunktionen
beurteilen zu können und die für diese Art von Tumoren typischen
Tumormarker zu erheben.
Hat sich bis dahin der Verdacht auf ein Rektumkarzinom erhärtet,
muss man zusätzlich eine Dickdarmspiegelung
(Abb. 3) vornehmen,
um Gewebeproben von allen verdächtigen Stellen der Schleimhaut
zu entnehmen.
Weiterhin wird man eine Ultraschalluntersuchung des Bauchs
durchführen, um die Leber (Metastasen), Gallenblase, Gallenwege,
Bauchspeicheldrüse und Nieren zu beurteilen. Je nach Lage
und Grösse des Tumors sowie anderer Begleiterkrankungen
des Patienten können zusätzlich Spezialuntersuchungen wie
beispielsweise eine CT-Untersuchung, ein MRI
(Abb. 4), eine Endosonographie
des Enddarms (die genaue Lage des Tumors ist für die Operationsplanung
sehr wichtig), eine Herzultraschall-Untersuchung oder eine
Lungenfunktionsdiagnostik, nötig werden.
Wie kann ein Rektumkarzinom behandelt werden?
Hat sich die Diagnose "Rektumkarzinom" bestätigt, ist
eine chirurgische Entfernung des Tumors die Therapie der
Wahl. Wie bereits angeführt, unterscheidet sich die Therapiestrategie
jedoch von jener der der anderen Dickdarmtumore. In Abhängigkeit
von der Höhe des Tumors ‒ der Enddarm wird dabei in drei
Etagen unterteilt ‒ ist es bei einigen Tumoren sinnvoll,
diese vor der Operation zu bestrahlen und eine gleichzeitige
Chemotherapie einzuleiten. Man weiss, dass sich dadurch
die Tumorgrösse verringert; zudem werden mögliche Tumorzellen
in Lymphknoten bekämpft. Nach Beendigung dieser kombinierten
Strahlen-/Chemotherapie erfolgt die Operation im Intervall.
Vor der Operation erfolgt eine Darmspülung, damit beim Entfernen
und Zusammenfügen des Darmabschnitts keine Infektionen durch
Keime entstehen. Aus diesem Grund erhält jeder Patient vor
der Operation ein Antibiotikum, welches nach der Operation
in einigen Fällen mehrere Tage weitergegeben wird. Ziel
der Operation ist die Entfernung des Darmabschnitts mit
dem Tumor sowie der dazugehörigen Lymphknoten und die Wiedervereinigung
der Dickdarmbereiche. Die kurative Therapie eines Enddarmkarzinoms
geschieht durch eine so genannte anteriore (vordere) Rektumresektion.
Der Zugang zur Bauchhöhle erfolgt durch einen mittleren
Bauchschnitt (Abb. 5)
oder laparoskopisch.
Danach wendet sich der Operateur dem Unterbauch zu und sucht
den tumortragenden Darmabschnitt auf. Aus den Voruntersuchungen
weiss er, in welcher Höhe der Tumor zu finden ist. Dieses
Wissen ist bei den Enddarmtumoren sehr wichtig, da der Abstand
vom Tumor zum After für die Operationsplanung, vor allem
aber bei dem Erstellen der Anastomose (Wiedervereinigung)
in diesem Bereich, eine grosse Rolle spielt. Um im Bereich
des Rektums einen Darmabschnitt entfernen zu können, muss
der vorangehende Abschnitt vom Untergrund gelöst und mobilisiert
werden. Bei bösartigen Tumoren werden die zugehörigen Lymphknoten
an den grossen Gefässen aufgesucht und entfernt. Die von
der Mitte des Bauchs ausgehenden Gefässe in den Aufhängebändern
der Darmabschnitte (Mesenterien) werden zentral dargestellt
und abgesetzt (Abb. 6).
Damit wird das ganze Abflussgebiet der Lymphe mit den Lymphbahnen
und den Lymphknoten radikal entfernt.
Dieser Schritt ist bei einem Tumorleiden wichtig. Die Zahl
der gefundenen und vom Tumor befallenen Lymphknoten ist
für eine mögliche Chemotherapie nach der Operation entscheidend.
Anschliessend wird der Enddarm mobilisiert, wobei der Chirurg
sorgfältig darauf achten muss, beide Harnleiter nicht zu
verletzen.
Das Rektum liegt in einem Mantel von Fettgewebe (Mesorektum),
in dem die Gefässe und Lymphbahnen verlaufen. Das Mesorektum
wird entfernt, um eventuell vorhandene Metastasen zu beseitigen.
Diese moderne chirurgische Methode (TME ‒ Totale Mesorektale
Exzision) wurde 1985 von Professor Bill Heald eingeführt.
Die für die männliche Potenz wichtigen Nerven, die nahe
bei jener Stelle verlaufen, an welcher der Enddarm entfernt
werden muss, können dank dieser Technik praktisch immer
erhalten bleiben.
Im nächsten Schritt wird die Kontinuität des Darms wieder
hergestellt. Dazu werden Klammernahtapparate benutzt. Sie
ermöglichen, auch wenige Zentimeter vom After entfernt eine
Anastomose (Wiedervereinigung) des Darms
(Abb. 7).
Eine Massnahme, die leider in der Darmchirurgie manchmal
nicht vermieden, für den Patienten aber zu einer starken
psychischen Belastung werden kann, ist die Anlage eines
künstlichen Darmausgangs (Anus praeter). Er dient der Ableitung
von Stuhl und Gas aus einem Darmabschnitt über die Bauchdecke
nach aussen in einen Beutel. Je nachdem, ob ein Dünndarm-
oder Dickdarmanteil ausgeleitet wird, spricht man von einem
Ileostoma oder Kolostoma. Ein Stoma kann als kurzfristige
Massnahme angelegt werden mit dem Ziel, nach einigen Monaten
die Darmkontinuität durch eine Rückverlagerung wieder herzustellen,
oder es handelt sich um eine endgültige Ausleitung. Die
Gründe, die bei einem Karzinom des Enddarms zur Anlage eines
Stomas führen, sind unterschiedlich:
- drohender Darmverschluss durch einen nicht resezierbaren
Tumor,
- sehr tiefe, nahe dem Schliessmuskel gelegene Tumore,
bei welchen der Schliessmuskel mit entfernt werden muss
...
- ... zum Schutz einer Anastomose, bis diese verheilt
ist.
Muss der Chirurg ein Stoma anlegen, wird er an geeigneter Stelle eine ausreichend grosse Öffnung der Bauchdecke vorbereiten. Durch diese wird der Darm nach aussen gezogen und sorgfältig eingenäht. Die in der Bauchdecke liegende Darmöffnung wird dann mit einem speziellen Beutel versorgt. Viele Patienten fühlen sich durch eine Stomaanlage stark belastet. Sie empfinden sich nicht mehr gesellschaftsfähig und genieren sich, obwohl die heutigen Materialien zur Stomapflege hervorragend sind und den Patienten ein Gefühl der Sicherheit vermitteln.
Helfen kann hier die Selbsthilfegruppe der Stomaträger (ILCO)[1], die den betroffenen Patienten menschlich und fachlich kompetent zur Seite steht. Aber auch spezielle Pflegefachleute, so genannte Stomatherapeuten, bieten den Patienten eine hilfreiche Unterstützung im Alltag.
Einen Sonderfall stellen sehr kleine, auf die Schleimhaut
des Enddarms beschränkte Tumore dar. Diese können in der
Technik der so genannten "Transanalen endoskopischen Mikrochirurgie
(TEM)" entfernt werden (Abb.
8). Dabei wird das Karzinom über ein spezielles Rektoskop
(Metallrohr mit Optik) durch den Anus aus dem Enddarm herausgeschnitten.
So kann den Patienten eine weit grössere Operation mittels
Bauchschnitt erspart bleiben.
Grundsätzlich lässt sich die genaue Behandlungsstrategie
einzig nach ausführlicher Begutachtung aller Befunde planen.
Die Therapie wird dann individuell ausgerichtet, um eine
grösstmögliche Sicherheit zu erreichen.
