Hernie Inguinalhernie
Leistenbruch
Was ist ein Weichteilbruch und wo kommt er vor?
Unter einem Weichteilbruch versteht man eine Vorwölbung
im Bereich der Bauchwand. Sie bildet sich in Regionen, die
anatomische Schwachstellen in der Bauchwand darstellen.
Es gibt deshalb viele verschiedene Arten von Weichteilbrüchen,
beispielsweise in der Leiste, am Nabel, am Rand der geraden
Bauchmuskulatur oder nach Bauchoperationen im Bereich einer
Bauchwandnarbe.
Die Vorwölbung wird durch das Austreten von Bauchinhalt
verursacht, welcher von einem Bruchsack umschlossen wird
und durch eine schwache Stelle in der Bauchmuskulatur, die
Bruchlücke, aus dem Bauchraum vor die Bauchwand austritt.
Beim Mann findet sich die häufigste Austrittstelle im Bereich
der Leiste, in welchem der Samenleiter und die Gefässe,
die für die Versorgung des Hodens nötig sind, im inneren
Leistenring durch die Bauchwand in den Leistenkanal übertreten.
Bei der Frau verläuft an der entsprechenden Stelle das runde
Mutterband aus dem Bauchraum in den Leistenkanal und zieht
von der Gebärmutter zur Symphyse (Schambein); in seinem
Verlauf können ebenfalls Weichteilbrüche auftreten. In einem
Bruchsack (Abb.1) können sich Teile von Bauchorganen wie
Zipfel des grossen Netzes, des Dick- oder des Dünndarmes
befinden. Ohne Behandlung können diese Brüche groteske Grössen
annehmen.
Die häufigsten Weichteilbrüche sind die Leistenbrüche, die
überwiegend bei Männern auftreten. Diese sollen im Folgenden
näher beschrieben werden.
Der Leistenbruch als ein besonders häufiger Weichteilbruch
Der Leistenbruch wird im medizinischen Fachjargon "Inguinalhernie"
genannt (lat. inguina = die Leiste). Wie jeder Weichteilbruch
besteht er aus einer Vorwölbung, die ausserhalb der Bauchwand
sichtbar sein kann, einem Bruchsack, dem Bruchsackinhalt
und einer Bruchlücke. Beim Leistenbruch werden zwei Arten
unterschieden, die jedoch erst bei der Operation genau bestimmt
werden können: Der häufiger vorkommende "indirekte" und
der seltener auftretende "direkte" Leistenbruch.
Der indirekte Leistenbruch folgt den anatomisch vorgegebenen
Lücken in der Leiste, das heisst, er folgt dem Samenstrang,
bestehend aus Samenleiter, Hodengefässen und Muskelhülle,
tritt aus dem Bauchraum durch den inneren (nicht sichtbaren)
Leistenring, folgt dem Leistenkanal und tritt durch den
äusseren Leistenring. Sobald er über den äusseren Leistenring
hervortritt, wird er sichtbar und tastbar.
Der "direkte" Leistenbruch wölbt sich direkt durch eine
Stelle schwacher Bauchwandmuskulatur hinter dem Leistenkanal
hervor und gelangt anschliessend weiter bis an den äusseren
Leistenring. Die Unterscheidung ist erst während der Operation
möglich. Sie ist deshalb wichtig, weil für beide Arten von
Leistenbrüchen ein spezielles operatives Verfahren erforderlich
ist. Beschwerdebild und Untersuchungen für beide, das heisst
für direkte als auch indirekte Inguinalhernien sind gleich.
Der Leistenbruch ist vor allem ein Leiden des männlichen
Geschlechts und betrifft gerne junge, sportliche Männer
mit schlankem Körperbau. Auch sind solche Personen betroffen,
die sehr stark körperlich arbeiten oder in einem gehobenen
Alter sind und ein Prostataleiden haben. Die Ursache der
Krankheit ist in einer grossen Druckbelastung im Bauchraum
zu suchen. Übergewicht, chronische Verstopfung, eine Schwangerschaft,
schwere körperliche Tätigkeit, chronisches Husten bei Rauchern,
starkes Pressen bei Prostatavergrösserung wie auch Tumoren
des Dickdarms gehören ebenso zu den Kofaktoren.
Ein Leistenbruch kann sich, wenn er einmal aufgetreten ist,
nicht zurückbilden. Er wird mit der Zeit grösser und verursacht
meist zunehmende Schmerzen. Der Bruchsackinhalt kann in
der Bruchlücke einklemmen und zu einer Störung der Blutzufuhr
führen. Ohne eine Behandlung verschliessen sich die Gefässe,
und das Gewebe kann absterben. Dies macht eine risikobehaftete,
notfallmässige Operation notwendig.
Wie erkenne ich einen Leistenbruch?
"Ich kann mit Stolz sagen, dass ich ein sehr sportlicher
Mann bin. Ich jogge häufig und treibe regelmässig intensiven
Sport. In der letzten Zeit habe ich nach dem Lauftraining
zunehmend ziehende Schmerzen in meiner rechten Leiste verspürt.
Bei Bewegungen oder beim Husten kann sich der Schmerz verstärken.
Vor einigen Tagen habe ich unter der Dusche an der Stelle
der Schmerzen eine kleine, nussgrosse Schwellung gesehen,
die bei Berührung schmerzhaft war. Die Schmerzen ziehen
jetzt auch in den Hodensack und an die Innenseite des Oberschenkels.
Ich gehe zum Arzt, weil ich nun doch etwas beunruhigt bin."
Diese Geschichte hat einer unserer Patienten erzählt. Sie
ist ganz typisch. In der Regel bemerken die Patienten zuerst
ziehende Schmerzen in der Leistengegend, später sehen oder
bemerken sie eine neu aufgetretene Vorwölbung. Manchmal
bildet sich die Vorwölbung ohne Schmerzen. Sie tritt häufig
beim Husten und Lachen, beim Pressen, beim Sport oder beim
Tragen von schweren Lasten auf. Im weiteren Verlauf kann
es zu zunehmenden Schmerzen bei Alltagsverrichtungen kommen.
Gefährdet sind insbesondere Patienten, die beruflich schwere
Lasten zu tragen haben oder viel Sport treiben. Die Schwellung
kann am Anfang einmal sichtbar sein, später wieder verschwinden.
In der Regel wird sie aber immer grösser werden, bis sie
als wirklich störend empfunden wird.
Wenn der Bruchinhalt (Zipfel vom grossen Netz, Darm) in
der Bruchlücke eingeklemmt wird, kommt es zu starken Dauerschmerzen
am Ort der Vorwölbung mit Ausstrahlung in den Hodensack,
beziehungsweise in die Schamregion. Neben der Schwellung
treten eine eine Rötung und häufig eine Bewegungseinschränkung
auf. Die Vorwölbung kann in einigen Fällen (ausnahmslos)
vom Arzt zurückgeschoben werden. Ansonsten ist eine Notfalloperation
nicht zu umgehen.
Prinzipiell sollte jede abnorme Vorwölbung im Leistenbereich
ärztlich untersucht werden. Neben Hernien können auch vergrösserte
Lymphknoten oder Gefässveränderungen vorliegen. Solange
keine Brucheinklemmung auftritt, besteht kein Anlass zu
einer sofortigen Operation. Sollte der Arzt die Diagnose
eines Leistenbruchs stellen, kann in der Regel einige Wochen
bis zum Eingriff gewartet werden.
Sehr leicht kann eine andere Art des Weichteilbruchs, der
so genannte Schenkelbruch, übersehen werden. Er ist selten
und wird an der Innenseite des Oberschenkels direkt unterhalb
der Leiste vorgefunden. Er tritt durch eine Lücke, die in
der unteren Bauchwand offen ist, damit die grosse Beinschlagader
und die Beinvene eine Verbindung vom Bein zum Bauchraum
haben. Ein Schenkelbruch ist, da eine hohe Einklemmungsgefahr
besteht, in jedem Fall einem Arzt vorzustellen.
Wie wird eine Leistenhernie abgeklärt?
Das Augenmerk der ärztlichen Befragung richtet sich vor
allem auf Art, Dauer und Ort der Schmerzen. Es ist wichtig,
ob der Patient selber in der Leistengegend eine Vorwölbung
gesehen hat oder nicht. Weiter ist es wichtig zu wissen,
ob eine chronische Lungenerkrankung mit starkem Husten,
Probleme beim Wasserlösen oder eine Neigung zur Verstopfung
bestehen.
Die Abklärung ist im Allgemeinen einfach und besteht aus
einer Inspektion und einer Abtastung der Leistengegend durch
den Arzt. Es ist nötig, sowohl im Stehen wie auch im Liegen
beide Seiten zu untersuchen. Oft ist der Befund von weitem
sichtbar, wenn der Leistenbruch sich bis in den Hodensack
vorwölbt. Nur selten werden Zusatzuntersuchungen benötigt.
Beim Mann wird der Leistenkanal mit dem Zeigefinger des
Arztes untersucht. Ein Teil der Hodensackhaut wird mit der
Fingerspitze gegen den Leistenkanal geschoben. Sie kann
durch die Haut hindurch den äusseren Leistenring erreichen.
Seine Grösse und Form, sein Durchmesser und die durch die
Untersuchung ausgelösten Schmerzen sind dabei entscheidend.
Die Vorwölbung des Bruchs, der Bruchsack, kann dabei oft
getastet werden. Manchmal tritt der Leistenbruch erst nach
Pressen oder Husten auf und oft wird nur seine Spitze getastet,
wenn sie beim Husten auf die Fingerspitze aufschlägt. Man
spricht dann von einem positiven Hustenanprall. Zu beachten
ist, ob beide Hoden gleich gross sind und sich in der richtigen
Lage im Hodensack befinden. Weitere technische oder bildgebende
Untersuchungen sind im Normalfall bei erfahrenen Chirurgen
nicht nötig. Bei Männern über 40 Jahre sollte zusätzlich
eine Rektaluntersuchung zum Abtasten einer möglicherweise
vergrösserten Prostata vorgenommen werden.
Bei Frauen gibt es keinen äusseren Leistenring. Eine Lücke
des inneren Leistenrings ist nicht tastbar, da dieser unter
der straffen äusseren Bauchfaszie (breite Bauchsehne) liegt.
Unter ihr verläuft vom inneren Leistenring bis zur Symphyse
das runde Mutterband. Bei unklarem Befund wird deshalb bei
Frauen oft eine Ultraschalluntersuchung der Leistengegend
durchgeführt. Der Ultraschall kann die verschiedenen Schichten
des Leistenkanals und oft eine Lücke mit Bruchinhalt nachweisen.
Wie kann ein Leistenbruch behandelt werden?
Grundsätzlich sollen heute alle nachgewiesenen Leistenhernien
chirurgisch saniert werden. Da sich Weichteilbrüche naturgemäss
nicht zurückbilden können, werden sie mit der Zeit grösser.
Ist die Diagnose eines Leistenbruchs gesichert und der Patient
in einem operablen Zustand, dann ist zweifelsfrei die Anzeige
zur Operation gegeben. In Abhängigkeit der Beschwerden kann
festgelegt werden, wann eine Operation durchgeführt werden
muss. Nur bei Patienten, die in einem nicht operablen Zustand
sind oder eine Operation verweigern, sollte ein Bruchband
eingesetzt werden. Ein Bruchband ist ein sehr lästiges Hilfsmittel.
Es besteht aus einer gepolsterten, elastischen Metallspange,
die um die Hüften angelegt wird, und einem kleinen ballförmigen
Ledersack, der auf die Bruchlücke drückt. Da Leistenhernien
in Vollnarkose, in Rückennarkose oder in Lokalanästhesie
für den Patienten bequem operiert werden können, hat das
Bruchband heutzutage einzig eine historische Bedeutung.
Die Operationstechniken
In der modernen Chirurgie werden, je nach Befund, zahlreiche
verschiedene Operationsverfahren bei Leistenhernien eingesetzt.
Es gibt offene und minimal-invasive Methoden wie auch Verfahren
mit und ohne Einlage von Kunststoffnetzen.
- Offene Operationen
Die zwei wichtigsten offenen Eingriffe sind die Shouldice-Technik (benannt nach dem kanadischen Chirurgen Earle Shouldice) auch Transversalisplastik genannt, wie auch die Technik nach Lichtenstein, bei der ein Netz eingelegt werden muss.
Durch einen schrägen, ca. 6-8cm langen, Schnitt in
der Leiste (Abb.2) werden die Haut und das Unterhautfettgewebe
gespalten.
Der äussere Leistenring wird aufgesucht (Abb.3),
die Faszie (Sehne) gespalten und bis zum inneren Leistenring
eröffnet, der Funikel (welcher Hodengefässe, Samenstrang
und Muskelhülle umfasst) bis zum inneren Leistenring freipräpariert
(Abb.4) und mit einem gelben Gummiband umschlungen.
