Erkrankungen der Schilddrüse
Wo liegt die Schilddrüse?
Wie funktioniert die Schilddrüse?
Die häufigsten Erkrankungen der
Schilddrüse
Wie erkenne ich eine Schilddrüsenerkrankung?
Notwendige Abklärungen und diagnostische
Möglichkeiten
Wie kann eine Schilddrüsenerkrankung
behandelt werden?
Was geschieht nach der Behandlung?
Was muss im zukünftigen Alltag
beachtet werden?
Schilddrüse
Wo liegt die Schilddrüse?
Die Schilddrüse ist ein schmetterlingförmiges Organ und
liegt unterhalb des Kehlkopfes, direkt vor der Luftröhre.
Man unterscheidet bei diesem nur etwa 20 Gramm schweren
Organ einen linken und einen rechten Lappen sowie ein mittleres
Verbindungsstück, das auch "Isthmus" genannt wird. Das Schilddrüsengewebe
wird jeweils im Bereich des linken und rechten Lappens durch
Blutgefässe aus den grossen Halsarterien versorgt, die
am Oberpol, in der Mitte der Drüse und am Unterpol in
das Gewebe münden. In sehr enger Nachbarschaft zu jedem
Lappen verläuft auf beiden Seiten je ein wichtiger Nerv,
der "Nervus laryngeus recurrens", der die inneren Kehlkopfmuskeln
innerviert und für die Stimmbildung beim Sprechen ausschlaggebend
ist. Er verläuft beidseits hinter den Schilddrüsenlappen
und ist im Verlauf oft sehr schwierig zu finden. Im Bereich
der Schilddrüsenkapsel und ganz in der Nähe der zuvor beschriebenen
Nerven finden sich noch vier so genannte Epithelkörperchen
oder Nebenschilddrüsen, die für die Regulierung des Kalziumstoffwechsels
zuständig sind und ganz eng am Schilddrüsengewebe liegen.
Wie funktioniert die Schilddrüse?
Im Schilddrüsengewebe werden zwei verschiedene Arten von
Schilddrüsenhormonen hergestellt, die eine wichtige
Rolle in der Regulation der Stoffwechselvorgänge im
Körper spielen: Das Thyroxin (T4) und das Triiodthyronin
(T3). Sie wirken auf viele Körperzellen und beeinflussen
den Energiestoffwechsel des Menschen. Damit diese Hormone
in genügender Menge von den Zellen der Schilddrüse hergestellt
werden können, bedarf es einer ausreichenden Menge an
Jod, das zuvor über die Nahrung in den Körper gelangen muss.
In der Schilddrüsenzelle ist das Hormon an ein Eiweiss gebunden,
von dem es wieder abgespalten wird, sobald es bei Bedarf
ins Blut abgegeben wird. Dort binden sich T3 und T4 jeweils
wieder an spezielle Transporteiweisse, um an ihren Zielort
gelangen zu können. Der Schilddrüsenhormonbedarf wird über
einen komplizierten Regelkreis im Körper gesteuert, zu dem
auch ein Bereich des Zwischenhirns (Hypothalamus) und die
Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) gehören. Verringert sich
im Körper die Menge an Schilddrüsenhormonen bis unterhalb
eines kritischen Wertes, werden zuerst im Zwischenhirn und
anschliessend in der Hirnanhangsdrüse Botenstoffe ausgeschüttet,
welche die Schilddrüse zur Ausschüttung von T3 und T4 bringen.
Steigt jedoch die Menge an Schilddrüsenhormonen im Blut,
wird die Ausschüttung der Botenstoffe im Gehirn unterdrückt.
Die häufigsten Erkrankungen der Schilddrüse
Kommt es aufgrund einer ungenügenden Jodversorgung in der
Nahrung (häufig in Gebirgsgegenden und in Binnenländern)
zu einer mangelnden Produktion von Schilddrüsenhormonen
im Körper, wird dem Zwischenhirn über den zuvor beschriebenen
Regelkreis signalisiert, dass die Schilddrüse mehr Hormone
ausschütten sollte. Dazu sendet das Zwischenhirn den Botenstoff
aus, der die Schilddrüse zur Hormonproduktion anregen soll.
Die vermehrte Ausschüttung dieses Botenstoffes führt
aber auch dazu, dass das Schilddrüsengewebe zu wachsen
beginnt. Bleibt dieser Jodmangelzustand über Jahre erhalten,
vermehrt sich zunächst das Schilddrüsengewebe, und das Volumen
der Drüse nimmt zu. Es verändert aber auch die Gewebsstruktur:
Es können sich Zysten, Knoten und Verkalkungen bilden.
Die vergrösserte Schilddrüse wird von den Ärzten "Struma"
genannt. Sie ist eine der am häufigsten anzutreffenden
Schilddrüsenerkrankungen. Der Volksmund nennt diese Veränderung
einen Kropf. Eine weitere Erkrankung der Schilddrüse ist
eine immunogene Schilddrüsenüberfunktion, auch "Morbus
Basedow" genannt. Bei dieser Erkrankung kommt es aufgrund
von stimulierenden Antikörpern zu einer andauernden Überproduktion
der Schilddrüsenhormone, was zu einer so genannten "Überfunktion"
der Schilddrüse führt und mit bestimmten körperlichen Symptomen
einhergeht. Bei diesen Patienten kann die Erkrankung zu
einem Anschwellen des Bindegewebes hinter dem Auge führen
("endokrine Orbitopathie"), was manchmal über Jahre zu
einem so genannten Glotzauge führen kann. Diese hervorstehenden
Augen können auch die Sehkraft des Patienten gefährden.
Karzinome der Schilddrüse sind selten, sollen aber der
Vollständigkeit halber ebenfalls kurz erwähnt werden.
Wie erkenne ich eine Schilddrüsenerkrankung?
Eine Schilddrüsenerkrankung kann sehr lange unentdeckt bleiben,
da die Symptome häufig sehr unspezifisch sind. Die Anzeichen
werden vor allem durch zu viel oder zu wenig vorhandene
Schilddrüsenhormone im Körper hervorgerufen oder hängen
mit der Grössenzunahme des Organs zusammen. Bei einer Überfunktion
der Schilddrüse beschreiben Patienten eine erhöhte Schweissneigung
und Schweissausbrüche, Herzrhythmusstörungen, Unruhe, Gewichtsabnahme
und Haarausfall. Patienten mit zu wenigen Schilddrüsenhormonen,
also einer Unterfunktion, schildern, dass sie stets frieren,
unter Verstopfung leiden, depressiv verstimmt und eher
müde sind. Nimmt wie bei einer Jodmangelstruma die Grösse
des Organs zu, berichten viele Patienten von einem Druckgefühl
im Hals. In seltenen Fällen kann das Strumagewebe sogar
die Luftröhre einengen und das Gefühl von Luftnot verursachen.
Notwendige Abklärungen und diagnostische Möglichkeiten
Häufig wird eine Erkrankung der Schilddrüse als Nebenbefund
während einer Routineuntersuchung festgestellt. Bei Verdacht
auf eine Schilddrüsenerkrankung muss der zuständige
Facharzt zunächst eine sorgfältige Befragung der Patienten
durchführen und nach speziellen Symptomen einer eventuellen
Über- oder Unterfunktion der Schilddrüse suchen. Danach
folgt die manuelle Untersuchung der Schilddrüse: Der Arzt
steht hinter dem Patienten und tastet mit beiden Händen
nach der Grösse und der Beschaffenheit des Gewebes. Gleichzeitig
muss der Patient einmal schlucken, damit man die "Schluckverschieblichkeit"
der Schilddrüse vor der Luftröhre beurteilen kann. Zudem
werden diverse Parameter aus dem Blut des Patienten bestimmt:
Der TSH Wert, der über den Regelkreis zwischen Zwischenhirn
und Hirnanhangsdrüse Auskunft gibt, sowie T3 und T4, die
zeigen, wie der Körper mit Schilddrüsenhormonen versorgt
ist. Gibt es einen Hinweis auf eine immunogene Schilddrüsenerkrankung
oder auf eine bösartige Krankheit, werden weitere Faktoren
bestimmt. Zu jeder Abklärung gehört eine Ultraschalluntersuchung
der Schilddrüse. Hier kann man die Gewebsstruktur genauer
beurteilen und klare Zusatzinformationen zur Festlegung
der Krankheit erhalten. Zeigen sich im Ultraschall oder
im Labor bestimmte Veränderungen, ist eventuell eine nuklearmedizinische
Untersuchung der Schilddrüse (Szintigraphie) angezeigt.
Hierbei können nach einer Injektion von Technetium so
genannte "kalte" oder "warme" Knoten im Schilddrüsengewebe
dargestellt werden. Zeigt der Lokalbefund eine grossvolumige
Struma, kann es notwendig sein, ein Röntgenbild der Halsweichteile
anzufertigen, um eine Einengung der Luftröhre vor der Operation
auszuschliessen.
Wie kann eine Schilddrüsenerkrankung behandelt werden?
Eine Jodmangelstruma kann zunächst medikamentös behandelt
werden, indem der Patient Schilddrüsenhormone einnimmt
und/oder noch zusätzlich dem Körper Jodid zuführt. Damit
wird der Regelkreis unterbrochen, der ansonsten dem Zwischenhirn
einen anhaltenden Hormonmangel signalisiert. Ist es im Rahmen
dieser Erkrankung schon zu einer Knoten- und Zystenbildung
im Schilddrüsengewebe gekommen, kann durch die Einnahme
dieser Medikamente nur das Schilddrüsenwachstum gehemmt
werden. Grossvolumige Strumen oder auch solche, die wachsende
Knoten aufweisen, wird man operativ verkleinern. Eine
immunogene Schilddrüsenerkrankung kann zunächst mit einem
"Hormonblocker" behandelt werden, da hier die Schilddrüse
zu viel Hormon produziert. Eine andere Therapiemöglichkeit
besteht in einer so genannten Radiojodtherapie: Hierbei
wird radioaktives 131Jod in die Schilddrüse gebracht,
wodurch die Zellen der Schilddrüse zerstört werden. Kommt
es bei der immunogenen Schilddrüsenerkrankung trotz der
medikamentösen Therapie zu einem Rückfall, kann eine Operation
angezeigt sein. Das Schilddrüsenkarzinom wird auf jeden
Fall durch eine radikale operative Entfernung des gesamten
Schilddrüsengewebes und der dazugehörigen Lymphknoten
behandelt. Nachfolgend sollen die grundlegenden Schritte
einer operativen Schilddrüsenentfernung beschrieben werden.
Der Patient wird auf dem Operationstisch auf dem Rücken
mit stark nach hinten überstrecktem Kopf gelagert. Im Bereich
des vorderen Halsansatzes, an der Stelle, an welcher sich
das linke und rechte Schlüsselbein mittig fast berühren,
erfolgt circa einen Querfinger in Richtung Kinn die Hautinzision
(Kocher-Kragenschnitt). Danach werden das darunter liegende
Bindegewebe und der flache Halsmuskel durchtrennt. Die dort
längsverlaufenden Halsvenen werden ebenfalls durchtrennt.
Die geraden Halsmuskeln werden mit einem Haken zur Seite
gehalten. Der Operateur wendet sich nun zunächst einem Lappen
der Schilddrüse zu. Je nach Erkrankung und Befund kann ein
Schilddrüsenlappen entfernt werden, eventuell auch beide.
Vorsichtig wird das über der Schilddrüsenkapsel liegende
Bindegewebe abpräpariert. Der Operateur muss während der
ganzen Operation immer ganz nahe am Gewebe und innerhalb
der Schilddrüsenkapsel präparieren, um auf keinen Fall den
Recurrens-Nerv zu verletzen, der die Stimmbänder innerviert.
Mit einem speziellen Instrument wird die Gewebebrücke
(Isthmus) zwischen dem linken und dem rechten Schilddrüsenlappen
unterfahren und durchtrennt. Jetzt wird der Schilddrüsenlappen,
der entfernt werden soll, vorsichtig von seinem Bindegewebe
auf der Rückseite des Lappens befreit. Die von oben in den
Lappen führenden Blutgefässe werden dargestellt und unterbunden.
Im nächsten Schritt werden die unteren Polgefässe des
Lappens dargestellt und unterbunden. Hat man den Nerv und
die Epithelkörperchen eindeutig identifiziert und geschont,
kann das kranke Schilddrüsengewebe nun ganz oder mehrheitlich
entfernt werden. Anschliessend wird durch die Haut eine
dünne Drainage gelegt, um das Wundsekret sowie das Restblut
abzuleiten. Der Hautmuskellappen wird mit einer Naht verschlossen,
so dass später nur noch eine strichförmige Narbe zu sehen
sein wird.
Was geschieht nach der Behandlung?
Nach der Operation kontrolliert der Operateur engmaschig,
ob es zu einer Nachblutung im Operationsgebiet kommt.
Sobald der Patient wach und ansprechbar ist, wird durch
eine Sprechprobe zunächst grob getestet, ob der Patient
heiser ist. Der Hals-Nasen-Ohren-Arzt kontrolliert später
in einer Stimmbandspiegelung zusätzlich, ob sich die
Stimmbänder seitengleich bewegen. Die Schädigung des Nervs
ist mit drei bis vier Prozent die häufigste Komplikation
einer Schilddrüsenoperation. Weiterhin werden nach der Operation
der Kalziumspiegel (Epithelkörperchen) und je nach Erkrankung
zudem die Schilddrüsenwerte kontrolliert. Vor allem bei
der immunogenen Schilddrüsenerkrankung sind engmaschige
Kontrollen wichtig, da diese Patienten zuvor an einer Überfunktion
der Schilddrüse litten. In der Regel müssen die Schilddrüsenhormone
oder auch Jod später als Tabletten vom Patienten eingenommen
werden. Die Drainagen werden 24 bis 48 Stunden nach der
Operation entfernt. Die Hautnaht wird in der Regel mit
resorbierbaren Fäden gemacht, so dass diese nicht entfernt
werden müssen.
Was muss im zukünftigen Alltag beachtet werden?
Je nach Erkrankung müssen die Patienten nach der Operation
dauerhaft Medikamente einnehmen, sei es in Form von
Jod oder Schilddrüsenhormonen. Sicherlich ist es notwendig,
insbesondere bei immunogenen Schilddrüsenerkrankungen,
spezielle Blutwerte und das Bindegewebe des Augenhintergrundes
zu überwachen, aber auch zu kontrollieren, ob es kein erneutes
Wachstum von Gewebe im Bereich der zuvor entfernten Schilddrüse
gibt.
